Adler und Engel: Im Rausch der eigenen Unschuld

Jessie ist tot, Max lebt weiter und hält das für ein kaum lösbares Problem. Adler und Engel, der Debütroman von Juli Zeh, beginnt mit den Folgen eines Suizids und entwickelt daraus einen Gegenwartsroman mit psychologischen und politischen Thrillerelementen. Ein erfolgreicher Jurist zerlegt sein Leben, während eine Radiomoderatorin seine Geschichte hören will. Sein Leiden macht ihn keineswegs harmlos. Gerade diese Zumutung gibt dem Buch seine Spannung: Wir folgen einer verletzten, berauschten und oft erschreckend selbstgerechten Stimme, deren Nähe keine Zustimmung verlangt.

Adler und Engel

Max hat die Kontrolle längst vor dem Zusammenbruch verloren

Ein Arbeitszimmer ist vernagelt, ein Gespräch scheint unmöglich, der nächste Drogenkonsum hingegen jederzeit verfügbar. In dieser Wohnung trifft Clara einen Mann, der seine Umgebung auf die Folgen von Jessies Tod reduziert hat. Max berichtet, sie habe sich während eines Telefonats mit ihm erschossen. Das Ereignis besitzt für ihn keine abgeschlossene Vergangenheit, sondern wirkt in Körperempfindungen, Erinnerungsbildern und aggressiven Abwehrbewegungen fort.

Adler und Engel macht aus dieser Ausgangslage keine behutsame Trauergeschichte. Bereits beim ersten Besuch beleidigt Max seine Gesprächspartnerin, fantasiert über Gewalt und schlägt ihr schließlich ins Gesicht. Danach betrachtet er ihre Reaktion mit einer Mischung aus ästhetischer Aufmerksamkeit und Selbstbezogenheit. Die Szene verhindert früh, seinen späteren Bericht als reine Geschichte eines unschuldigen Opfers zu lesen.

Verletzlichkeit und Gewalt stehen unmittelbar nebeneinander. Das ist unangenehm, aber literarisch entscheidend. Max kann tatsächlich verzweifelt sein und zugleich andere erniedrigen. Sein Schmerz erklärt einen Teil seines Zustands, entbindet ihn jedoch nicht von Verantwortung für das, was er tut. Der Roman gewinnt dort an Schärfe, wo er diese Gleichzeitigkeit bestehen lässt.

Wer American Psycho von Bret Easton Ellis kennt, wird die beunruhigende Nähe einer männlichen Ich-Stimme wiedererkennen, die Gewalt mit der Sprache alltäglicher Beobachtung verbindet. Max ist keine Wiederholung Patrick Batemans. Der Vergleich betrifft die Lesehaltung: Sprachliche Intimität kann dazu führen, dass wir uns an eine Perspektive gewöhnen, deren Maßstäbe wir eigentlich zurückweisen.

Adler und Engel fordert deshalb von Anfang an doppelte Aufmerksamkeit. Man muss hören, was Max über Jessie und seine Vergangenheit erzählt. Gleichzeitig gilt es zu beobachten, wie er über die Menschen vor ihm verfügt. Zwischen diesen Ebenen liegt eine Spannung, die oft aufschlussreicher ist als die Frage, wann das nächste Geheimnis ans Licht kommt.

Clara hört zu, aber ihre Aufmerksamkeit hat Bedingungen

Clara ist zunächst eine Stimme aus dem Radio. Max kennt ihre Sendung und die besondere Mischung aus scheinbarer Nähe und zeitlich begrenzter Zuwendung, die sie ihren Anrufern anbietet. Als sie vor seiner Tür steht, muss er sein vorgestelltes Gegenüber korrigieren. Aus einer verfügbaren Stimme wird eine Person mit eigenem Auftreten, eigenen Fragen und Interessen, die sich nicht seinem inneren Bild unterordnet.

Claras Aufmerksamkeit bietet in Adler und Engel keine uneigennützige Rettung. Sie betrachtet Max auch als möglichen Gegenstand einer Diplomarbeit und will seine Erzählung festhalten. Dadurch entsteht eine Beziehung, in der Zuhören, Untersuchung und persönliche Verwicklung ineinandergreifen. Adler und Engel macht verständlich, warum Max diese Aufmerksamkeit braucht, ohne daraus automatisch eine vertrauenswürdige therapeutische Situation zu machen.

Die Nähe zu Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll liegt in der Frage, was geschieht, wenn ein Mensch zum Material einer fremden Darstellung wird. Die Verfahren und Machtverhältnisse unterscheiden sich deutlich. Hier handelt es sich nicht um die öffentliche Kampagne einer Zeitung, sondern um eine intime Befragung, deren Zwecke für den Befragten keineswegs vollständig durchschaubar sind.

Zuhören kann Nähe schaffen und Zugriff ermöglichen. Clara erhält Informationen, weil Max reden will und weil er sein Reden an ihre Anwesenheit bindet. Max versucht seinerseits, Bedingungen zu setzen und sie körperlich wie emotional unter Druck zu bringen. Diese Abhängigkeit entwickelt keine einfache Verteilung von Helferin und Hilfsbedürftigem. Gerade ihre Uneindeutigkeit macht Clara interessant.

Sie widerspricht ihm, verfolgt eigene Ziele und ist zugleich seiner Gewalt ausgesetzt. Adler und Engel verlangt hier eine sorgfältige Gewichtung: Dass ihre Motive problematisch sind, relativiert seine Übergriffe nicht. Der Roman wird stärker, wenn man diese verschiedenen Verantwortlichkeiten auseinanderhält, statt sie zu einer pauschalen Behauptung zusammenzuziehen, letztlich seien eben alle gleichermaßen schuldig.

Illustration Adler und Engel von Juli Zeh

Adler und Engel koppelt Erinnerung an den nächsten Rausch

Kokain ist für Max kein gelegentlicher Ausbruch aus einem ansonsten stabilen Alltag. Der Konsum gehört zur Organisation seines Erlebens und bestimmt, wie er seinen Körper, seine Umgebung und die nächsten Minuten wahrnimmt. Trauer, Gereiztheit, Übersteigerung und plötzliche Gesprächigkeit wechseln rasch. Die Erzählung bindet uns an diese Wechsel, ohne eine ruhige Außenperspektive bereitzustellen, die jedes Detail sofort zurechtrückt.

Damit wird Erinnerung in Adler und Engel selbst instabil. Max berichtet nicht aus einer gesicherten Gegenwart über einen erledigten Abschnitt seines Lebens. Er ist während des Erzählens abhängig, erschöpft und in neue Konflikte verwickelt. Adler und Engel lässt vergangene und gegenwärtige Bedrohungen ineinanderschieben. Der Bericht ist Teil seines Zustands, kein sauber von ihm getrenntes Protokoll.

Die Tonaufnahmen versprechen zunächst Ordnung. Was ausgesprochen und gespeichert wurde, scheint wenigstens festzustehen. Aber ein aufgezeichneter Bericht bleibt ausgewählt, gefärbt und an die Situation seines Entstehens gebunden. Speicherung garantiert keine verlässliche Erinnerung. Auch eine festgehaltene Stimme kann ausweichen, sich inszenieren oder etwas erst im Sprechen für sich selbst erfinden.

Hier bietet Der Fall von Albert Camus eine ergiebige Vergleichsfolie. Dort nutzt ein Sprecher das Bekenntnis, um sein Gegenüber in eine bestimmte Sicht auf Schuld hineinzuziehen. Max verfügt weniger souverän über seine Darstellung, aber auch sein Reden kann Selbstenthüllung und Selbstentlastung zugleich leisten. Offenheit ist deshalb nicht automatisch Aufrichtigkeit.

Für die Lektüre entsteht daraus eine produktive Unruhe. Manche Bilder wirken unmittelbar glaubwürdig, weil sie körperlich genau und emotional scharf sind. Andere Zusammenhänge erscheinen übersteigert oder nur halb begriffen. Adler und Engel lebt von diesem Abstand zwischen sinnlicher Überzeugung und überprüfbarem Zusammenhang. Allerdings kann die ständige Intensität auch abstumpfen: Wenn jede Wahrnehmung im Ausnahmezustand stattfindet, werden Unterschiede zwischen entscheidenden und bloß grellen Momenten schwerer erkennbar.

Zwischen Völkerrecht und Geschäft verschwinden die sauberen Grenzen

Max hat sich zum erfolgreichen Juristen gemacht und verbindet damit eine bestimmte Vorstellung seiner eigenen Person. Fachliche Leistung, Durchsetzungsvermögen und Zugehörigkeit zu einer angesehenen Kanzlei sollen beweisen, dass er sein früheres Außenseitertum überwunden hat. Dieser Erfolg erscheint ihm lange als selbst erworben. Der Roman fragt dagegen, welche Interessen seine Fähigkeiten nutzbar machen und wie wenig er die Bedingungen seines Aufstiegs tatsächlich kontrolliert.

Die Verbindungen zu Drogenhandel und politischer Gewalt erweitern deshalb nicht einfach den Schauplatz. Sie verändern die Bedeutung seiner beruflichen Vergangenheit. Rechtliche Kompetenz steht hier in einer Welt, in der wirtschaftliche Netzwerke Grenzen überschreiten und legale Formen mit kriminellen Geschäften verbunden werden können. Adler und Engel lässt die vermeintlich getrennten Lebensbereiche des Juristen und des Drogenmilieus zunehmend ineinandergreifen.

Der Vergleich mit Guerillas von V. S. Naipaul schärft eine verwandte Frage nach Selbstbildern innerhalb politischer Gewalt. Dort geraten persönliche Wünsche und ideologische Rollen in ein zerstörerisches Verhältnis. Hier bietet der berufliche Anspruch auf Kompetenz zunächst eine Form von Distanz. Beide Konstellationen machen sichtbar, wie wenig die eigene Selbsterklärung über die tatsächliche Wirkung des Handelns entscheiden muss.

Beruflicher Erfolg kann Abhängigkeit verdecken. Max versteht sich als jemand, der Verträge, Interessen und Regeln durchschaut. Dass er selbst in Zusammenhängen handelt, deren ganze Reichweite ihm entgeht, trifft daher nicht nur seine Sicherheit, sondern sein Selbstverständnis. Sein Zusammenbruch bekommt eine gesellschaftliche Dimension, ohne im Privaten aufzuhören.

Adler und Engel ist dabei ein Roman, keine dokumentarische Darstellung internationaler Rechtsarbeit. Seine Zuspitzung verbindet viele Gewaltverhältnisse in einem dichten Geflecht persönlicher Beziehungen. Das kann die politische Frage eindringlich machen, birgt aber eine Grenze: Wo zu viele Verbindungen zusammenlaufen, wirkt die Welt gelegentlich geschlossener und absichtsvoller, als die einzelnen Szenen es überzeugend tragen.

Wie viel Übersteigerung trägt diese Geschichte?

Adler und Engel will viel zugleich: eine zerstörte Liebe erzählen, einen unzuverlässigen Selbstbericht entfalten und internationale Machtverhältnisse sichtbar machen. Diese Ambition gehört zu seiner Energie. Sie erzeugt aber auch Reibung zwischen den Teilen. Die genau beobachtete Bewegung in einer Küche kann glaubwürdiger wirken als eine spätere Erklärung, die mehrere politische und kriminelle Zusammenhänge auf einmal miteinander verbindet.

Besonders stark ist Adler und Engel, wenn eine beiläufige Reaktion Max’ Selbstbild beschädigt. Sein Blick auf Claras verletzten Mund sagt mehr über seine Haltung aus als eine abstrakte Erklärung seiner Unfähigkeit zu lieben. Auch die Behandlung des vernagelten Zimmers macht den Verlust räumlich konkret. Solche Einzelheiten bringen Schmerz und Abwehr zusammen, ohne sie vorschnell aufzulösen.

Schwieriger wird es, wenn die Handlung immer neue Enthüllungen benötigt, um dieselbe Unordnung weiter anzutreiben. Die Spannung kann dann vom genauen Hinsehen zum bloßen Warten auf eine zusätzliche Verbindung wechseln. Nicht jede Verdichtung steigert die Glaubwürdigkeit. Der Roman riskiert, seine Figuren zeitweise als Träger eines besonders umfassenden Zusammenhangs zu benutzen, statt ihre Widersprüche für sich wirken zu lassen.

Auch Jessie bleibt wesentlich durch Max’ Erinnerung zugänglich. Das ist konsequent für die Perspektive, begrenzt aber ihre Eigenständigkeit. Die tote Geliebte wird zum Zentrum einer männlichen Krise, während ihr eigenes Erleben nur vermittelt erscheint. Diese Asymmetrie lässt sich als Problem der Erzählerfigur lesen und sollte dennoch als Begrenzung der Leseerfahrung benannt werden.

Gerade deshalb überzeugt eine reine Lobeshymne auf die sprachliche Wucht nicht. Adler und Engel bietet intensive Szenen, einen beunruhigenden Erzähler und eine ernsthafte Frage nach persönlicher Verstrickung. Es verlangt zugleich Bereitschaft, überzeichnete Bilder und einen bisweilen überladenen Plot auszuhalten. Ob dieser Überschuss als Sog oder als Ermüdung erlebt wird, hängt wesentlich davon ab, wie stark einen Max’ Stimme durch das Buch trägt.

Zitat aus Adler und Engel: Man atmet Luft in die Lungen ein, die Luft strömt über die Stimmbänder, und man bewegt Lippen und Zunge. Oder, anders ausgedrückt: Man spricht.

Textstellen aus Adler und Engel

Diese Stellen stammen aus dem ersten Kapitel der deutschen Verlagsleseprobe. Sie zeigen Max’ wechselnde Selbstwahrnehmung und seinen Blick auf Clara. Ihre Bedeutung liegt im jeweiligen Zusammenhang, weshalb sie hier nicht als allgemeine Lebensweisheiten behandelt werden.

  1. „Ich benehme mich komisch.“ Max bemerkt seine eigene Irritation, als Clara bei ihm sitzt. Die knappe Feststellung benennt einen Zustand, ohne ihn zu erklären. Sie zeigt, wie nah Selbstbeobachtung und Ratlosigkeit in seiner Stimme beieinanderliegen: Er registriert Abweichungen, gewinnt dadurch aber noch keine verlässliche Kontrolle über sein Verhalten.
  2. „Niemandem ist es gestattet, danach zu fragen.“ Gemeint ist Claras Frage nach dem Ort von Jessies Tod. Max behandelt seine Abwehr wie eine allgemein gültige Vorschrift. Das persönliche Verbot klingt wie ein Gesetz. Gerade bei einem Juristen erhält diese Formulierung eine zusätzliche Schärfe, weil er seine Verletzung sprachlich in Verfügungsgewalt verwandelt.
  3. „Wie eine Shampoo-Werbung.“ Das Fragment gehört zu seiner Betrachtung von Claras fliegenden Haaren, nachdem er sie geschlagen hat. Der Vergleich ist erschreckend banal. Er zeigt einen Blick, der die Gewalt sofort in ein konsumierbares Bild verwandelt und sich dadurch von der Erfahrung der Verletzten entfernt.
  4. „Alles ist toll.“ Die Behauptung steht im Zusammenhang eines berauschten Umschlags seiner Stimmung. Sie widerspricht der gerade beschriebenen Situation. Ihre Leere ist deshalb funktional: Das pauschale Wohlgefühl ersetzt die Auseinandersetzung mit dem, was wenige Augenblicke zuvor geschehen ist.
  5. „Und Erinnerungen sind einfach nur wie Fernsehen.“ Max erklärt Vergangenheit zu einer Folge betrachtbarer Bilder. Damit entsteht Abstand zu eigener Beteiligung und Verantwortung. Der Vergleich charakterisiert sein Erleben, liefert aber keine gültige Beschreibung von Erinnerung überhaupt; gerade diese Begrenzung macht ihn für das Verständnis des Erzählers brauchbar.

Hintergründe zur Entstehung und Buchgestalt

  1. Adler und Engel erschien 2001 bei Schöffling & Co. in Frankfurt am Main. Es handelt sich um einen deutschsprachigen Originalroman, nicht um die Übersetzung eines fremdsprachigen Titels. Die spätere Taschenbuchausgabe darf deshalb nicht mit dem Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verwechselt werden. 🌐 Literaturport.de
  2. Der Roman erhielt 2002 den Rauriser Literaturpreis. Der zeitgenössische Bericht zur Verleihung hebt die Verbindung poetischer Sprache mit einer kriminellen und politischen Gegenwart hervor. Der Rausch lässt sich als eigener Vergleich neben 👉 Die Pforten der Wahrnehmung von Aldous Huxley stellen: Hier destabilisiert er einen Selbstbericht, dort wird veränderte Wahrnehmung ausdrücklich zum Gegenstand eines Essays. 🌐 Der Standard
  3. Die Inhaltsübersicht gliedert Adler und Engel in zwei große Teile, Leipzig und Wien, mit insgesamt 32 Kapiteln. Zahlreiche Kapitelüberschriften nennen Tiere, andere greifen Farben, Bewegung oder rechtliche Begriffe auf. Schon die Gliederung verbindet Körper und Ordnung. Sie bereitet damit ein Spannungsfeld vor, das die Erzählung zwischen unmittelbarer Empfindung und erklärenden Systemen immer wieder durchläuft. Der Buchtitel erscheint zusätzlich als Überschrift des fünfundzwanzigsten Kapitels und ist somit selbst Teil dieser Anordnung. 🌐 Bic Media
  4. Die Autorin studierte Rechtswissenschaft sowie Internationales Recht und Europarecht. Dieser fachliche Hintergrund steht in einem konkreten Verhältnis zur Berufswelt des Protagonisten. Er macht Max jedoch nicht zu einem autobiografisch verlässlichen Stellvertreter: Eine literarische Figur bleibt eine gestaltete Perspektive, deren Urteile eigenständig geprüft werden müssen.
  5. Die btb-Taschenbuchausgabe erschien im April 2003. Ihr Impressum nennt ausdrücklich die Originalausgabe von 2001 und führt beide Publikationsstufen auseinander. Solche Angaben helfen bei der Zuordnung von Seitenzahlen und Zitaten, weil eine spätere Ausgabe denselben Roman enthalten kann, ohne dieselbe materielle Gestalt wie die Erstauflage zu besitzen.

Der Schreibstil schwankt zwischen Schärfe und Reizüberflutung

Der Schreibstil setzt früh auf Bilder, die zugleich anschaulich und verstörend sind. Schon der Blick durch den Türspion verwandelt Claras Auge in eine grotesk vergrößerte Erscheinung. Der Vergleich gehört zu Max’ Wahrnehmung und verrät damit etwas über seine Begegnung mit der Außenwelt. Noch bevor ein Gespräch entsteht, ist das Gegenüber in eine körperlich übersteigerte Vorstellung geraten.

Kurze Feststellungen wechseln mit längeren Wahrnehmungsfolgen. Gespräche können banal beginnen und plötzlich in Drohung, Beschimpfung oder eine Erinnerung kippen. Adler und Engel entwickelt daraus ein nervöses Tempo, das wenig verlässliche Ruhepunkte anbietet. Die Unberechenbarkeit betrifft nicht nur kommende Ereignisse, sondern bereits den nächsten Satz und die Richtung, in die er eine Szene zieht.

Die Bilder sind oft genauer als Max’ Erklärungen. Ein Mund, ein Türrahmen oder eine Tasse geben einer Situation konkrete Widerstände. Seine großen Behauptungen über die Welt können dagegen wie nachträgliche Versuche wirken, einen unübersichtlichen Zustand zu beherrschen. Diese Differenz ermöglicht kritische Distanz innerhalb einer sehr nahen Ich-Perspektive, ohne dass eine zweite Stimme ständig kommentierend eingreifen müsste.

Die sprachliche Überfülle von Adler und Engel hat allerdings einen Preis. Wenn fast jede Beobachtung einen drastischen Vergleich erhält, konkurrieren die Bilder miteinander. Einige öffnen eine Szene, andere scheinen ihre Wirkung noch einmal unterstreichen zu wollen. An solchen Stellen lässt die Prosa dem Leser wenig Raum, eine Spannung selbst wahrzunehmen, bevor sie sprachlich bereits maximal verstärkt wurde.

Trotzdem ist Adler und Engel nicht einfach laut geschrieben. Zwischen den Übersteigerungen stehen trockene Dialoge, abrupte Selbstkorrekturen und Sätze von beinahe komischer Nüchternheit. Gerade diese Wechsel halten die Stimme beweglich. Ihre stärksten Momente entstehen, wenn sprachlicher Einfallsreichtum und die moralische Begrenztheit des Sprechers gleichzeitig sichtbar werden, sodass man einen Satz eindringlich finden kann, ohne seinem Blick auf die Welt zu folgen.

Für wen sich Adler und Engel besonders lohnt

Wer einen politischen Thriller mit klarer Ermittlungsrichtung sucht, sollte mit einer anderen Leseerfahrung rechnen. Das Buch verwendet Spannung, Geheimnisse und Verflechtungen, bleibt aber eng an einen beschädigten Selbstbericht gebunden. Seine eigentliche Herausforderung liegt darin, Max zuzuhören und gleichzeitig Abstand zu seinen Bewertungen zu halten. Die Frage nach seiner Verantwortung begleitet die Frage nach dem Geschehen.

Für Leser, die sich für deutsche Literatur an der Verbindung von privater Krise und gesellschaftlicher Diagnose interessieren, ist Adler und Engel ergiebig. Liebe, Beruf und internationale Politik erscheinen nicht als voneinander getrennte Themenfelder. Der Roman prüft, wie Menschen innerhalb großer Zusammenhänge handeln und sich dabei als weitgehend unabhängige Einzelne verstehen können. Gerade Max’ Stolz auf seine Leistung macht diese Selbstbeschreibung angreifbar.

Das Buch belohnt widersprechendes Lesen. Man muss den Erzähler weder mögen noch seiner Sicht zustimmen, um seine Sprache aufmerksam zu verfolgen. Im Gegenteil: Die Spannung zwischen Mitgefühl und Abwehr gehört zum Ertrag. Eine solche Lektüre kann zeigen, wie leicht wir überzeugendes Sprechen mit zutreffender Selbstkenntnis verwechseln.

Weniger geeignet ist der Roman für die Suche nach behutsamer Trauerbegleitung oder einer versöhnlichen Liebesgeschichte. Seine körperliche Gewalt, der aggressive Ton und die intensive Darstellung von Abhängigkeit bestimmen das Erleben wesentlich. Diese Elemente sind keine beiläufigen dunklen Akzente. Sie gehören zur Konstruktion einer Stimme, deren Nähe absichtlich schwierig bleibt und deren Entwicklung keine einfache moralische Reinigung verspricht.

Adler und Engel überzeugt am meisten als riskanter, sprachlich eigenwilliger Versuch, Unschuld aus einer sehr persönlichen Perspektive fragwürdig werden zu lassen. Nicht jede politische Verknüpfung und nicht jedes Bild besitzt dieselbe Überzeugungskraft. Dennoch bleiben Max’ Reaktionen und die fragwürdigen Bedingungen seines Erzählens eindringlich. Sie machen das Buch diskutierbar, gerade weil es sich einer glatten Einteilung in gelungenen Thriller, Liebesroman oder Gesellschaftsdiagnose entzieht.

Zusammenfassung von Adler und Engel

Max ist ein erfolgreicher Jurist, dessen Leben nach Jessies Suizid zusammenbricht. Sie hat sich erschossen, während beide miteinander telefonierten. Er zieht sich in seine Leipziger Wohnung zurück, vernagelt den Raum ihres Todes und konsumiert Kokain. Die unmittelbare Zukunft schrumpft für ihn auf das Weiterleben mit Erinnerungen, körperlicher Erschöpfung und dem nächsten Rausch zusammen.

Über eine Radiosendung kommt er mit Clara in Kontakt. Sie sucht ihn auf und interessiert sich für seine Geschichte auch als Gegenstand ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Max beginnt, seine Vergangenheit zu erzählen und aufzeichnen zu lassen. Die Beziehung ist von gegenseitigen Interessen, Abhängigkeit und seiner Gewalt gegen sie geprägt. Das Erzählen wird selbst Teil des Konflikts.

In den Rückblicken erscheint Jessie als frühere und wiedergefundene Liebe. Ihre Herkunft aus dem Umfeld eines Drogenhändlers verbindet die persönliche Geschichte mit Geschäften, deren Reichweite Max zunächst nicht überblickt. Zugleich wird seine eigene juristische Karriere neu lesbar. Das angesehene berufliche Umfeld steht nicht außerhalb jener Machtverhältnisse, deren Folgen ihn nun unmittelbar erreichen.

Die Handlung führt von Leipzig nach Wien und verknüpft die Suche nach Zusammenhängen mit neuen Bedrohungen. Claras Rolle wird komplizierter, und Max gerät immer stärker in ein Geflecht aus Drogenhandel, persönlichen Loyalitäten und politischen Interessen. Seine Erinnerungen liefern dabei keinen neutralen Schlüssel. Sie werden unter Bedingungen erzählt, die Wahrnehmung und Selbstauskunft ständig beeinträchtigen.

Gegen Ende konzentriert sich der Konflikt auf Informationen und einen Code, der als Tauschmittel dienen kann. Max handelt, um Clara zurückzubekommen, überschreitet dabei aber weitere Grenzen. Adler und Engel führt deshalb nicht einfach von Verzweiflung zu geläuterter Handlungsfähigkeit. Der Schluss verändert seine Situation, ohne seine Verantwortung für Gewalt und Selbsttäuschung rückwirkend aufzuheben. Die Liebesgeschichte bleibt mit einer größeren Unordnung verbunden, in der auch der Erzähler selbst wirksam geworden ist.

Weitere Bewertungen zu Werken der bekannten deutschen Autorin

Nach oben scrollen