Alle Menschen sind sterblich: Was bleibt ohne Ende?

In Alle Menschen sind sterblich entdeckt eine Schauspielerin den Zuschauer ihrer Träume: einen Mann, der sie niemals vergessen müsste. Simone de Beauvoir macht daraus einen philosophischen Roman mit historischen und fantastischen Elementen, dessen Unsterblicher keineswegs beneidenswert ist. Ewiges Leben garantiert keine bleibende Bedeutung. Zwischen Theatergarderobe und europäischer Geschichte untersucht das Buch, weshalb Menschen lieben, handeln und nach Anerkennung verlangen, obwohl alles vergeht.

Illustration zu einer Szene aus Alle Menschen sind sterblich von Simone de Beauvoir

Alle Menschen sind sterblich beginnt vor Publikum

Der erste Schauplatz ist eine Bühne. Regine nimmt Applaus entgegen, doch kaum sieht sie die einzelnen Zuschauer, verliert deren Bewunderung ihren Glanz. Wer auch ihrer Kollegin Flora Blumen bringt, kann offenbar kein zuverlässiger Richter ihrer Einzigartigkeit sein. Schon diese kleine Kränkung führt mitten in Alle Menschen sind sterblich: Regine möchte Anerkennung, die keinen Vergleich mehr zulässt.

Fosca erscheint zunächst als Gegenbild dieser Gier. Der rätselhafte Hotelgast liegt unbeweglich da und scheint weder Unterhaltung noch Gesellschaft zu benötigen. Gerade sein uninteressierter Blick reizt Regine. Sie will herausfinden, warum ihre Gegenwart bei ihm nicht die erwartete Wirkung erzielt, und behandelt seine Zurückgezogenheit bald wie eine persönliche Herausforderung.

Als sie von seiner Unsterblichkeit erfährt, verändert sich ihr Vorhaben. Jetzt könnte dieser eine Mann bewahren, was gewöhnliche Zuschauer vergessen und kommende Generationen niemals sehen werden. Sie begehrt das Gedächtnis eines anderen. Fosca soll ihrem flüchtigen Bühnendasein einen dauerhaften Rang verleihen, möglichst ohne dass Regine selbst sich verändern müsste.

Hier berührt der Roman Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde. Dort soll ein Bild die Folgen der Zeit übernehmen, während ein Mensch seine Schönheit behält. Regine sucht einen lebenden Speicher ihres Wertes. Beide Wünsche verwechseln die Bewahrung einer Erscheinung mit einem gelungenen Leben und machen andere Menschen zu Mitteln dieser Bewahrung.

Dass die Rahmenhandlung der historischen Lebensgeschichte vorausgeht, ist deshalb entscheidend. Alle Menschen sind sterblich fragt zunächst nach unserem alltäglichen Verlangen, unvergesslich zu sein, bevor es die fantastische Ausnahme vorführt. Regines Eitelkeit bleibt dabei unangenehm konkret: Sie konkurriert, verführt und langweilt sich. Der Roman verlangt keine Sympathie für sie, aber die Bereitschaft, in ihrem übersteigerten Wunsch etwas Vertrautes zu erkennen.

Illustration Alle Menschen sind sterblich von Simone de Beauvoir - Ein einsamer Ritter in voller Rüstung steht neben einem Koffer auf einer gepflasterten Stadtstraße, während elegant gekleidete Passanten an ihm vorbeigehen.

Fosca will länger leben, um endlich fertig zu werden

Foscas Entscheidung entsteht aus politischer Ungeduld. Als Herrscher des italienischen Stadtstaates Carmona erlebt er, wie Kriege, Rivalitäten und die begrenzte Lebenszeit jedes Vorhaben gefährden. Er möchte sein Gemeinwesen dauerhaft sichern. Der angebotene Trank scheint ihm genau das fehlende Werkzeug zu geben: genügend Zeit, um die Geschichte nach seinem Plan zu ordnen.

Alle Menschen sind sterblich behandelt diese Ausgangslage mit einer verführerischen Plausibilität. Warum sollte ein vernünftiger Herrscher nicht mehr erreichen, wenn Krankheit und Alter ihn nicht unterbrechen? Fosca verwechselt jedoch die Verlängerung seiner Handlungsmöglichkeiten mit einer Überwindung aller Widerstände. Andere Menschen bleiben eigensinnig, und ihre Bedürfnisse entstehen nicht erst dann, wenn sein großer Plan Raum für sie vorsieht.

Sein Zeitgewinn erweitert zunächst seinen Machtanspruch. Was heute scheitert, kann er morgen erneut versuchen. Was eine Generation ablehnt, könnte die nächste akzeptieren. Dadurch verliert er allmählich das Verständnis dafür, dass die Betroffenen ihre einzige Lebenszeit einsetzen, während er Niederlagen als vorläufige Stationen betrachten kann.

Ein aufschlussreicher Vergleich bietet sich mit Orlando von Virginia Woolf an. Auch dort überschreitet eine Figur gewöhnliche Lebensspannen und erlebt wechselnde historische Ordnungen. Die spielerische Beweglichkeit jenes Romans lässt Identität neue Formen erproben. Foscas Dauer dagegen wird zunehmend zur Fixierung, weil er überall den endgültigen Erfolg eines menschlichen Projekts sucht.

Der fantastische Trank bleibt dabei eine Setzung, kein naturwissenschaftliches Rätsel. Alle Menschen sind sterblich interessiert sich für die Folgen der Ausnahme, nicht für ihre technische Erklärung. Diese Konzentration trägt den Gedankenversuch. Sie setzt ihm zugleich eine Grenze: Wer eine ausgearbeitete Geschichte biologischer Unsterblichkeit erwartet, findet stattdessen eine Untersuchung von Macht, Geduld und der gefährlichen Vorstellung, das Leben anderer müsse auf die Vollendung des eigenen Entwurfs warten.

Geschichte lässt sich nicht im Voraus besitzen

Aus dem begrenzten Ehrgeiz für Carmona erwachsen größere politische Hoffnungen. Fosca bewegt sich im Umfeld der Kaiser Maximilian und Karl V., später durch neue Formen von Forschung, gesellschaftlichem Leben und revolutionärer Erwartung. Der Maßstab wächst, die Schwierigkeit bleibt. Auch ein weitreichendes Reich kann die Widersprüche zwischen Menschen nicht endgültig aufheben.

In Alle Menschen sind sterblich besitzt historische Erfahrung deshalb einen bitteren Doppelcharakter. Fosca erkennt Muster, die seinen sterblichen Zeitgenossen verborgen bleiben. Gleichzeitig verleitet ihn dieser Überblick dazu, Unterschiede geringzuschätzen. Wer hinter jedem Aufbruch bereits dessen Ende sieht, kann übersehen, was eine Veränderung für diejenigen bedeutet, die sie tatsächlich erleben.

Vorläufige Verbesserungen sind für Sterbliche wirklich. Ein politischer Erfolg wird nicht wertlos, weil spätere Generationen neue Konflikte austragen. Foscas Enttäuschung misst begrenzte Errungenschaften jedoch an einer unbegrenzten Erwartung. Der Roman erlaubt uns, seine Ernüchterung nachzuvollziehen, ohne sie als abschließendes Urteil über jede menschliche Anstrengung übernehmen zu müssen.

Damit steht das Buch innerhalb der französischen Literatur in einem engen Gespräch mit Fragen nach Freiheit und Verantwortung. Die Geschichtsepisoden liefern keine lückenlose Chronik Europas. Sie stellen Situationen bereit, in denen ein Einzelner an der vermeintlich besseren Übersicht festhält. Die entscheidende Grenze ist nicht mangelnde Information, sondern die Unmöglichkeit, allen anderen ihren eigenen Entwurf des Lebens abzunehmen.

Hier liegt allerdings auch eine Schwäche von Alle Menschen sind sterblich. Manche historischen Figuren treten so deutlich als Vertreter einer Hoffnung auf, dass ihre Eigenständigkeit hinter dem Argument zurückbleibt. Die Wiederholung kann bedrückend wirken, aber auch vorhersehbar werden. Am stärksten ist der Roman dort, wo Widerstand und Bindung Foscas Überlegenheit konkret stören, statt lediglich eine weitere Station seines langen Scheiterns zu illustrieren und das bereits erkannte Muster nochmals zu bestätigen.

Zeichnung einer Szene aus Alle Menschen sind sterblich

Liebe braucht eine Zeit, die beide verlieren können

Foscas Liebesbeziehungen scheitern nicht einfach daran, dass seine Partnerinnen altern. Schwieriger ist die Verschiedenheit ihrer Zukunft. Für eine Sterbliche verändert eine versäumte Gelegenheit die Gestalt ihres einzigen Lebens. Fosca kann bleiben, neu anfangen und weitere Beziehungen eingehen, selbst wenn er sich im Augenblick aufrichtig gebunden fühlt. Alle Menschen sind sterblich macht diese Asymmetrie besonders an Marianne spürbar. Nähe entsteht, doch sie hebt die Ausnahme nicht auf, in der Fosca lebt. Ihr Wissen um sein Schicksal erschwert gerade das Vertrauen, das gewöhnliche Liebende aus einer geteilten Zukunft beziehen. Sie können denselben Tag miteinander verbringen und dennoch grundsätzlich Verschiedenes riskieren.

Dauer ersetzt keine Gegenseitigkeit. Wer unendlich viel Zukunft besitzt, muss den Wert eines unwiederbringlichen Moments nicht in derselben Weise erfahren. Foscas Zuneigung kann ehrlich sein und trotzdem die Bedürfnisse der anderen verfehlen. Die Tragik liegt deshalb auch in einem Verständigungsproblem: Er kann erklären, was ihm geschieht, aber niemand kann seine Zeit mit ihm teilen.

Das Verhältnis von Endlichkeit und Nähe lässt sich neben Der Tod des Iwan Iljitsch von Leo Tolstoi lesen. Dort erschüttert das bevorstehende Ende die gesellschaftlichen Vorstellungen eines gelungenen Lebens. Hier fehlt dieses Ende, und gerade dadurch verliert die Zukunft ihre ordnende Kraft. Beide Bücher prüfen, welche Beziehungen eine Person wirklich erreichen, wenn Status und Gewohnheit ihren Halt verlieren.

Regines Wunsch nach einem unsterblichen Bewunderer erscheint vor diesem Hintergrund besonders widersprüchlich. Sie möchte für Fosca unvergleichlich werden, obwohl sie gerade seine Fähigkeit bewundert, unzählige Leben zu überdauern. Alle Menschen sind sterblich nimmt ihr die ersehnte Garantie. Liebe kann eine Person im gegenwärtigen Leben eines anderen wichtig machen; sie kann keine vertraglich gesicherte Vorrangstellung über alle kommenden Zeiten vergeben, ohne sich selbst in Besitzdenken zu verwandeln.

Alle Menschen sind sterblich stellt die falsche Garantie aus

Alle Menschen sind sterblich führt leicht zu dem Satz, der Tod gebe dem Leben seinen Sinn. Doch damit wäre seine Zumutung zu rasch erledigt. Menschen können auch innerhalb eines begrenzten Lebens sinnlos handeln, andere verletzen oder ihre Möglichkeiten verschlafen. Sterblichkeit erledigt die Aufgabe des Lebens nicht automatisch, sondern macht Entscheidungen dringlich und ihre Folgen unwiderruflich.

Foscas Schicksal entlarvt vor allem eine bestimmte Forderung. Er will, dass eine Handlung vor der gesamten Zukunft Bestand hat, bevor er ihren Wert anerkennt. Alle Menschen sind sterblich zeigt, wie dieser Maßstab alles entwerten kann. Ein gelungenes Gespräch, eine hilfreiche Tat oder eine politische Verbesserung müssen keine Ewigkeit überstehen, um für wirkliche Menschen einen Unterschied zu machen.

Hier entsteht eine produktive Nähe zu Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus. Beide Texte prüfen das Handeln ohne endgültige Sinnversicherung. Während der Essay die bewusste Auseinandersetzung mit dem Absurden entfaltet, erzählt der Roman von einem Menschen, dem gerade die Wiederholbarkeit seines Daseins das Engagement austreibt. Die gemeinsame Frage erzeugt unterschiedliche Antworten und keinen einfachen philosophischen Gleichklang.

Bedeutung entsteht zwischen begrenzten Menschen. Darin liegt eine mögliche Gegenposition zu Fosca, die der Roman durch seine sterblichen Figuren offenhält. Ihre Vorhaben können scheitern, ohne dass jede Anstrengung rückwirkend lächerlich wird. Wer liebt oder sich politisch bindet, handelt unter Bedingungen, die kein späterer Überblick restlos ersetzen kann.

Das Ende gewährt Regine keine bequeme Heilung ihrer Eitelkeit. Alle Menschen sind sterblich lässt die Begegnung verstörend bleiben, weil Einsicht nicht automatisch die Kraft zur Veränderung liefert. Darin ist das Buch überzeugender als in manchen ausgedehnten historischen Beweisgängen. Es beendet den Wunsch nach Unvergänglichkeit nicht mit einer Lebensregel, sondern mit der Erfahrung, dass auch eine erklärte Illusion schmerzhaft weiterwirken kann.

Zitat aus Alle Menschen sind sterblich : Es erfordert viel Kraft, viel Stolz oder viel Liebe, um zu glauben, dass das, was ein einzelner Mensch tut, von Bedeutung ist, oder dass das Leben den Tod besiegen kann.

Kurze Zitate aus Alle Menschen sind sterblich

Die folgenden knappen Textstellen stammen aus dem Prolog in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens. Ihre Wirkung entsteht aus den jeweiligen Gesprächssituationen. Sie zeigen bereits, wie eng Anerkennung, Langeweile und Zeit in diesem Roman zusammenhängen.

  1. »Zu gut für dies Publikum« reagiert Regine auf das Lob ihres Auftritts. Sie benötigt Zustimmung und erklärt die Zustimmenden zugleich für unzureichend. Dieser Widerspruch macht ihre spätere Hoffnung auf Fosca verständlich: Ein gewöhnlicher Zuschauer kann ihrem Bedürfnis nach ausschließlicher Bedeutung kaum genügen.
  2. »Ich nämlich langweile mich« sagt sie dem rätselhaften Hotelgast. Regine präsentiert ihre Unzufriedenheit zunächst wie ein Problem, das eine interessante Begegnung lösen könnte. In Alle Menschen sind sterblich wird daraus eine umfassendere Frage nach dem Wert ihrer Tätigkeiten, sobald der äußere Beifall ausbleibt.
  3. »Das geht doch schnell vorbei« antwortet Fosca auf ihre noch mögliche Lebenszeit. Was ihn beruhigen könnte, muss eine Sterbliche erschrecken. Die gleiche Zeit hat ungleiches Gewicht. Der Gesprächspartner verfehlt den Trost gerade deshalb, weil seine Perspektive weit über Regines Erfahrung hinausreicht und ihren Ernst nicht mehr teilt.
  4. »Die Zeit bewegt sich wieder für mich.« stellt Fosca fest, als er sich erneut auf Regine einlässt. Ihre Gegenwart unterbricht seine Erstarrung zumindest vorläufig. Die Formulierung macht deutlich, dass bloßes Fortbestehen und erlebte Zeit verschiedene Dinge sind und dass Begegnungen selbst dem Unsterblichen einen Rhythmus geben können.
  5. »Immer dieselben Sterne« bemerkt er beim Blick nach draußen. Die Beständigkeit des Himmels verspricht ihm keine Geborgenheit. Wo andere einen ruhigen Hintergrund ihres Lebens sehen könnten, erkennt Fosca die Fortsetzung einer Dauer, aus der kein natürlicher Abschied mehr führt und deren Größe ihn zunehmend von anderen trennt.

Wissenswerte Hintergründe zwischen Paris und der Leinwand

  1. Der französische Roman erschien 1946 bei Gallimard in Paris unter dem Titel Tous les hommes sont mortels. Die Veröffentlichung gehört damit in die unmittelbare Nachkriegszeit. Das macht die Frage nach dauerhaftem politischem Heil besonders aufschlussreich, ohne die erzählte Geschichte auf einen Schlüsselroman über einzelne Zeitgenossen zu reduzieren. 🌐 Verlagsimpressum
  2. Die deutsche Übersetzung stammt von Eva Rechel-Mertens. Das Impressum nennt für die deutsche Ausgabe das Copyrightjahr 1949, während der französische Text auf 1946 datiert ist. Zwischen beiden Fassungen liegt damit nur ein kurzer Zeitraum, in dem sich das literarische Leben nach dem Krieg neu ordnete. 🌐 Rowohlt-Leseprobe
  3. Bereits 1945 gehörte die Autorin zum Gründungskreis der Zeitschrift Les Temps modernes. Das intellektuelle Engagement ging der Veröffentlichung von Alle Menschen sind sterblich unmittelbar voraus. Der Gedankenroman entsteht neben öffentlicher Debatte. Seine Fragen nach Handeln und Verantwortung stehen deshalb in einem konkreten Umfeld philosophischer und politischer Auseinandersetzungen.
  4. Ate de Jong verfilmte den Stoff 1995 als All Men Are Mortal. Stephen Rea spielte Fosca, Irène Jacob die Schauspielerin. Schon diese Besetzung der beiden Hauptrollen verweist auf das dramatische Zentrum der Vorlage: Eine Begegnung muss die Spannung zwischen einem einzelnen gegenwärtigen Leben und einer kaum vorstellbaren Zeitspanne tragen. 🌐 Quelle: Filmdaten
  5. Alle Menschen sind sterblich nennt im Prolog Shakespeares Komödie Wie es euch gefällt als geplante Theaterproduktion. Regines Beruf erhält damit einen konkreten literarischen Bezug. Einen zusätzlichen motivischen Vergleich ermöglicht 👉 Faust. Der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe. Hier wie bei Fosca schafft der Wunsch, menschliche Grenzen zu überschreiten, neue Abhängigkeiten, obwohl beide Figuren sehr unterschiedliche Erfahrungen machen.

Eine klare Sprache trägt einen unruhigen Gedankenversuch

Der Schreibstil von Alle Menschen sind sterblich setzt auf verständliche Situationen und deutlich geführte Gespräche. Regine fragt, fordert und widerspricht; Fosca erzählt, weicht aus oder antwortet aus einer irritierend großen zeitlichen Entfernung. Die philosophische Schwierigkeit entsteht selten aus dunklen Sätzen. Sie liegt in der Unvereinbarkeit zweier Perspektiven, die im selben Gespräch aufeinandertreffen.

Besonders wirksam ist der Wechsel zwischen der äußeren Betrachtung Regines und Foscas langer Selbsterzählung. Zunächst erleben wir, wie die Schauspielerin ihre Umgebung nach dem eigenen Anerkennungsbedürfnis bewertet. Anschließend übernimmt der Mann, den sie vereinnahmen wollte, über weite Streckencken die erzählerische Aufmerksamkeit. Schon die Verteilung des Raums widerspricht ihrem Wunsch, dauerhaft im Mittelpunkt zu stehen.

Die Form entzieht Regine die Hauptrolle. Historische Sprünge erweitern den Horizont, während wiederkehrende Enttäuschungen ihn zugleich verengen. Für Fosca scheint jede neue Ordnung irgendwann in Bekanntes zurückzufallen. Für Lesende bleibt dagegen sichtbar, dass Menschen, Orte und Bindungen sich unterscheiden, auch wenn der Erzähler diese Unterschiede zunehmend müde behandelt.

Alle Menschen sind sterblich hat dabei einen Hang zur erklärenden Wiederholung. Gefühle werden häufig so klar auf ihre philosophische Bedeutung zugespitzt, dass manches Gespräch eher wie eine Debatte als wie eine unberechenbare Begegnung wirkt. Die historischen Teile verlangen zudem Geduld mit Figuren, deren Lebenszeit im Verhältnis zur Hauptfigur rasch vergeht. Das kann die Erfahrung des Unsterblichen formal erfahrbar machen, kostet aber gelegentlich erzählerische Nähe.

Am überzeugendsten sind kleine körperliche und soziale Beobachtungen. Regines bittere Reaktion auf fremden Applaus, Foscas regloses Liegen oder eine beiläufige Bemerkung über verbleibende Jahre geben dem Argument Widerstand. Das Buch überzeugt dort durch Szenen, in denen eine abstrakte Frage als verletzende Antwort oder misslungener Trost zurückkehrt. Seine Klarheit lädt zum Widerspruch ein und macht den philosophischen Roman gerade dadurch gut diskutierbar.

Warum diese unbequeme Unsterblichkeit lesenswert bleibt

Wer Alle Menschen sind sterblich liest, begegnet einer Fantasie, die zunächst sehr vernünftig klingt. Mehr Zeit könnte mehr Wissen, bessere Entscheidungen und weniger versäumte Möglichkeiten bedeuten. Der Roman nimmt diese Hoffnung ernst genug, um ihre Bedingungen zu verändern. Was geschieht mit einem Vorhaben, wenn es nicht mehr unter dem Druck einer endlichen Lebenszeit steht?

Für die Gegenwart ist besonders Regines Seite der Geschichte ergiebig. Ihr Wunsch, im Blick anderer unverwechselbar zu bleiben, benötigt keine fantastische Technik. Die ständige Vergleichbarkeit mit anderen Auftritten, Erfolgen und Lebensgeschichten reicht aus, um Anerkennung zugleich begehrenswert und ungenügend zu machen. Fosca verspricht die endgültige Bestätigung, nach der sie schon vor seiner Entdeckung sucht.

Der Roman prüft den Hunger nach Bestätigung. Er erklärt ihn nicht allein durch persönliche Schwäche, sondern zeigt seine innere Unersättlichkeit. Sobald Regine einen bewundernden Blick gewonnen hat, muss dieser Blick von höherem Rang sein als alle übrigen. Auch ewige Erinnerung würde das Problem nicht lösen, solange ihr Wert davon abhängt, jede andere Erinnerung zu übertreffen.

Lesenswert ist ebenso die politische Gegenfrage zu Foscas Resignation. Müssen Verbesserungen für immer gelten, damit sie zählen? Alle Menschen sind sterblich liefert Gründe, diesen Maßstab abzulehnen, selbst wenn sein Unsterblicher ihm verfällt. Eine gelinderte Not und eine gewonnene Freiheit verändern das Leben der Betroffenen, auch wenn spätere Menschen erneut handeln müssen.

Nicht jeder Abschnitt besitzt dieselbe erzählerische Kraft. Wer vor allem eine dichte historische Welt oder psychologisch offene Nebenfiguren sucht, wird die argumentative Anlage stellenweise eng finden. Wer jedoch gern prüft, wo ein Gedankenexperiment überzeugt und wo seine Hauptfigur zu weit schließt, erhält in Alle Menschen sind sterblich reichlich Stoff. Die Lektüre gewinnt gerade dann, wenn man Foscas Müdigkeit weder bewundert noch vorschnell als falsche Haltung abtut, sondern ihre Voraussetzungen gegen die Erfahrungen der Sterblichen hält.

Zusammenfassung von Alle Menschen sind sterblich

Die Schauspielerin Regine ist mit gewöhnlichem Erfolg unzufrieden. In einem Hotel begegnet sie Fosca, dessen auffällige Teilnahmslosigkeit ihre Neugier weckt. Sie versucht, ihn ins Leben zurückzuziehen, und erfährt schließlich, dass er unsterblich ist. Daraus entwickelt sie die Hoffnung, ihre eigene Schönheit und Bedeutung könnten in seinem Gedächtnis unbegrenzt fortbestehen.

Fosca erzählt ihr daraufhin seine Geschichte. Als Herrscher von Carmona wollte er das Wohlergehen seiner Stadt über die Grenzen eines einzelnen Lebens hinaus sichern. Ein Trank verschaffte ihm die ersehnte Unsterblichkeit. Doch die zusätzliche Zeit beseitigte weder menschlichen Widerstand noch Gewalt und politische Konkurrenz, sondern vergrößerte zunächst seinen Ehrgeiz und später seine Enttäuschung.

Alle Menschen sind sterblich begleitet ihn durch verschiedene Jahrhunderte. Fosca sucht in größeren politischen Ordnungen, Entdeckungen, persönlichen Beziehungen und gesellschaftlichen Aufbrüchen nach einer Aufgabe, die dauerhaft trägt. Immer wieder findet er Bindungen und verliert sie. Seine Mitmenschen sterben, während er die Ergebnisse ihrer Arbeit weiterbestehen, sich verändern oder verschwinden sieht und selbst keinen natürlichen Abschluss erwarten kann.

Auch Liebe hebt diese Trennung nicht auf. Besonders die Beziehung zu Marianne zeigt, dass aufrichtige Nähe keine gemeinsame Lebensfrist schafft. Spätere revolutionäre Hoffnungen erreichen Fosca schließlich immer weniger. Er zieht sich zurück, weil er in neuen Anfängen vor allem Wiederholungen erkennt und den begrenzten Erfolg menschlicher Bemühungen nicht mehr ausreichend würdigen kann.

Regine muss erkennen, dass sie aus dieser Existenz keinen sicheren Ruhm gewinnen wird. Foscas Erinnerung ist kein Denkmal für sie. Seine Erzählung zerstört die Vorstellung, ein unsterblicher Zeuge könne einem einzelnen Leben endgültigen Vorrang verleihen. Alle Menschen sind sterblich endet mit der Erschütterung einer Hoffnung: Nicht nur das eigene Ende macht Angst, sondern auch eine Dauer, in der jede ersehnte Einzigartigkeit ihre Bedeutung verlieren könnte.

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