Rezension: Als ich im Sterben lag – Ein Sarg voller Familienpflichten

In Als ich im Sterben lag hört eine sterbende Mutter ihrem Sohn beim Sargbau zu. William Faulkner beginnt seinen modernistischen Roman mit Arbeit, Holz und einer Familie, die sich kaum verständigen kann. Die letzte Pflicht setzt alle anderen Bedürfnisse frei. Was als Beerdigungsfahrt beginnt, entfaltet sich zu einer Tragikomödie des amerikanischen Südens, in der Trauer, Eigensinn und materielle Not dieselbe staubige Straße nehmen.

Illustrationen zu den einzelnen Szenen aus Als ich im Sterben lag von William Faulkner

Als ich im Sterben lag beginnt mit Cashs Handwerk

Die Säge ist früher da als die Trauerrede. Cash fertigt vor Addies Fenster ihren Sarg an, zeigt ihr seine Arbeit und bemüht sich um eine sachgerechte Konstruktion. In Als ich im Sterben lag kann diese Nähe grausam wirken: Die Sterbende muss hören, wie ihr letzter Behälter entsteht. Zugleich ist der Bau die Form, in der ihr Sohn Aufmerksamkeit und Können auf sie richtet.

Als ich im Sterben lag zwingt uns damit früh, Fürsorge ohne vertraute Gefühlszeichen zu erkennen. Cash erklärt Winkel und Gewichtsverteilung, wo andere vielleicht Trost anbieten würden. Seine Genauigkeit ist keine Garantie moralischer Überlegenheit, aber sie hat einen praktischen Wert. Ein Sarg muss getragen werden können, und an dieser Aufgabe hängen später die Körper der Lebenden.

Liebe erscheint zunächst als handwerkliche Arbeit. Doch das Haus liefert keine einheitliche Deutung dieser Arbeit. Jewel empfindet die öffentliche Nähe des Sargbaus zur sterbenden Mutter anders als Cash. Nachbarn bringen ihre eigenen Vorstellungen von Frömmigkeit und familiärer Verpflichtung mit. Schon bevor die Reise beginnt, ist dieselbe Handlung zugleich Zuwendung, Störung und Anlass zum Urteil.

Diese Verbindung von Arbeit, Armut und familiärem Zusammenhalt erinnert an Früchte des Zorns von John Steinbeck. Dort bringt eine Reise die Bedingungen kollektiven Überlebens in den Blick. Hier zerlegt der Erzählerwechsel die Vorstellung einer geschlossenen Familie von Anfang an. Das gemeinsame Fahrzeug versammelt Menschen, deren innere Wege weit auseinanderliegen.

Der Sarg ist deshalb mehr als ein Symbol. Der Roman lässt seine Bretter, seine Lage und sein Gewicht immer wieder entscheidend werden. Wer nur nach einer abstrakten Bedeutung des Todes sucht, übersieht die genaue Aufmerksamkeit für Belastung und Material. Gerade diese Beharrlichkeit verleiht Als ich im Sterben lag seine besondere Härte: Eine feierliche Verpflichtung muss von Menschen ausgeführt werden, die Schmerzen haben, Geld brauchen und Fehler machen.

Eine Familie fährt mit, fünf Kinder wollen Verschiedenes

Addie möchte in Jefferson bei ihren Angehörigen begraben werden. Ihr Mann Anse beruft sich in Als ich im Sterben lag auf dieses Versprechen, als wäre damit jede Entscheidung der kommenden Reise bereits gerechtfertigt. Mitfahren müssen Cash, Darl, Jewel, Dewey Dell und Vardaman. Die fünf Kinder gehören zu derselben Familie, befinden sich aber in sehr verschiedenen Lebenslagen und verfügen über unterschiedliche Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen.

Cash achtet auf die sachgerechte Ausführung. Darl beobachtet mit einer Schärfe, die andere bedroht, während Jewel seine Bindung vor allem in heftigen Handlungen ausdrückt. Dewey Dell ist schwanger und sucht Hilfe. Vardaman versucht mit kindlichen Verknüpfungen zu verstehen, wie die Mutter tot sein kann, nachdem sie gerade noch lebendig war.

In Als ich im Sterben lag entstehen daraus keine sauber getrennten Nebenhandlungen. Die persönlichen Bedürfnisse greifen in dieselben Entscheidungen ein: ob man aufbricht, anhält, etwas verkauft oder Geld zurückbehält. Ein gemeinsamer Zweck bedeutet keine Einigkeit. Wer eine Familienpflicht beschwört, kann dadurch die eigenen Interessen unsichtbar machen und andere an einer offenen Auseinandersetzung hindern.

Das lässt sich neben Herr der Fliegen von William Golding lesen. Beide Romane prüfen, was aus einer Gruppe wird, deren äußerer Zusammenhalt den inneren Konflikt nur unzureichend ordnet. Bei den Bundrens müssen dafür keine gesellschaftlichen Strukturen erst verschwinden. Familie, Religion und Nachbarschaft existieren bereits, verhindern aber weder Eigennutz noch die Verteilung von Lasten auf die Schwächeren.

Anse ist dabei kein allmächtiger Lenker. Er wirkt hilflos, erschöpft und gekränkt, zieht jedoch aus genau dieser Haltung erstaunliche Vorteile. Als ich im Sterben lag zeigt, wie wirkungsvoll eine ständig vorgetragene Benachteiligung sein kann. Während andere arbeiten oder etwas aufgeben, bleibt sein eigener Anspruch auf Rücksicht auffällig stabil, selbst wenn die Folgen seiner Entscheidungen längst sichtbar sind und eine Umkehr vernünftig erschiene.

Illustration: Als ich im Sterben lag

Als ich im Sterben lag riecht nach einer viel zu langen Reise

Der Weg nach Jefferson ist kein stiller Übergang ins Reich der Toten. Hochwasser hat Brücken zerstört, der Wagen muss Umwege nehmen, und Addies Körper verändert sich während der Verzögerungen. Die Umgebung reagiert auf den Geruch, lange bevor die Familie ihr Versprechen erfüllt hat. Der Tod beansprucht Raum und belästigt Menschen, die mit der Verpflichtung der Bundrens nichts zu tun haben.

Beim Versuch, den Fluss zu überqueren, geraten Sarg, Wagen, Tiere und Menschen in eine gefährliche Bewegung. Die Maultiere ertrinken, Cash verletzt sich, Werkzeuge müssen geborgen werden. Als ich im Sterben lag schildert die Katastrophe aus mehreren Blickwinkeln. Keine einzelne Stimme besitzt die ruhige Übersicht, die aus dem Durcheinander sofort eine eindeutige Heldengeschichte machen könnte.

Das Versprechen verbraucht lebendige Körper. Gerade daran misst der Roman seinen moralischen Anspruch. Was heißt Treue zur Toten, wenn ihre Ausführung die Kinder gefährdet und fremde Hilfe verschlingt? Der Text beantwortet diese Frage nicht mit einem allgemeinen Verbot von Opferbereitschaft. Er zeigt die konkreten Kosten einer Verpflichtung, über deren Grenzen niemand rechtzeitig verhandelt.

Die Spannung zwischen großen Worten und verletzlichen Körpern bietet einen Vergleich mit Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. Die Situationen unterscheiden sich grundlegend, doch beide Romane prüfen moralische Rede an materiellen Folgen. Leiden wird nicht dadurch sinnvoll, dass jemand eine Pflicht als selbstverständlich erklärt und ihre Ausführung anderen überlässt.

Als ich im Sterben lag gewinnt aus dieser Körperlichkeit auch seinen verstörenden Humor. Der immer größere Aufwand steht in einem grotesken Verhältnis zum vorgeblich einfachen Auftrag. Lachen bedeutet hier nicht, Addies Tod unwichtig zu finden. Es macht die Unfähigkeit der Familie sichtbar, den eigenen Ernst gegen seine zerstörerischen Konsequenzen abzuwägen, und lässt das Lächerliche gerade dort hervortreten, wo alle Beteiligten ihre Würde behaupten möchten.

Darl weiß zu viel, Jewel handelt zu heftig

Darl besitzt eine Sprache, die weit über praktische Mitteilungen hinausgeht. Er beschreibt Bewegungen, Licht und Beziehungen mit einer Genauigkeit, die manchmal unheimlich wirkt. Auch Vorgänge außerhalb seiner unmittelbaren Anwesenheit gelangen in seine Erzählung. Als ich im Sterben lag behandelt diese Überschreitung als Teil seiner Form und liefert dafür keine verlässliche psychologische oder übernatürliche Erklärung.

Jewel dagegen sperrt sich gegen Darls Zugriff. Seine heftige Bindung an das Pferd, seine knappen Antworten und seine körperlichen Rettungsaktionen lassen sich nicht einfach in ein Bekenntnis übersetzen. Er kann grob sein und dennoch für den Sarg mehr riskieren als die anderen. Seine Fürsorge widerspricht dem Ton, in dem er spricht, und bleibt dadurch schwer bequem einzuordnen.

Wahrnehmen und Helfen fallen nicht zusammen. Darl durchschaut Spannungen, ohne sie dadurch lösen zu können. Jewel rettet, ohne die gemeinsame Lage verständlicher zu machen. Die Brüder verkörpern keine saubere Wahl zwischen Denken und Handeln, denn beide Fähigkeiten geraten innerhalb dieser Reise an Grenzen.

Weder Darls Genauigkeit noch Jewels Kraft verschafft der Familie eine gemeinsame Sprache. Als Darl die Scheune anzündet, in der der Sarg steht, spitzt sich dieser Gegensatz zu. Die Tat lässt sich als Versuch lesen, eine unerträgliche Fahrt zu beenden. Sie gefährdet jedoch fremdes Eigentum und Menschen und erhält durch dieses mögliche Motiv keine einfache Rechtfertigung. Jewel rettet den Sarg erneut, während die Familie Darl schließlich der psychiatrischen Unterbringung überlässt.

Als ich im Sterben lag macht dabei auch das Interesse der übrigen Familie sichtbar, weitere Konsequenzen abzuwenden. Darls Aussonderung stabilisiert die Gruppe, die ihn zuvor kaum erreichen konnte. Eine Diagnose wird damit nicht zum letzten erklärenden Wort über seine Figur. Der Roman hält offen, wie innere Zerrüttung, soziale Abwehr und ein konkreter zerstörerischer Entschluss zusammenwirken, ohne daraus eine romantische Verklärung des missverstandenen Sehers zu machen.

Zeichnung einer Szene

Addie widerspricht der Familie aus ihrem eigenen Kapitel

Mitten in der Reise erhält die bereits verstorbene Addie eine eigene Stimme. Sie erzählt von Einsamkeit, Ehe, Mutterschaft und einer tiefen Abneigung gegen Wörter, die Erfahrung durch gesellschaftlich bequeme Bezeichnungen ersetzen. Ihre Rede verändert rückwirkend, was die anderen über sie gesagt haben. Als ich im Sterben lag lässt die Tote damit nicht bloß Objekt von Erinnerung und Verpflichtung bleiben.

Addies Perspektive ist allerdings ebenso wenig eine neutrale Wahrheit wie die übrigen Stimmen. Ihre frühere Tätigkeit als Lehrerin verbindet sich mit Gewalt, ihr Wunsch nach Nähe mit dem Verlangen, die eigene Abgeschlossenheit zu durchbrechen. Die Beziehung zu dem Geistlichen Whitfield gehört zu dieser Geschichte. Jewel ist ihr gemeinsamer Sohn, was die familiären Bindungen zusätzlich ungleich gewichtet.

Mutterschaft erklärt diese Frau nicht vollständig. Der Roman gibt einer Mutter Gedanken, die das Ideal selbstloser Hingabe verletzen. Das macht sie weder zur bloßen Anklägerin noch zum abschreckenden Gegenbild. Ihre Stimme zeigt vielmehr, wie wenig die Familie voneinander weiß, obwohl jeder aus der Zugehörigkeit Ansprüche ableitet und die Worte Ehe oder Pflicht ständig verfügbar sind.

Neben ihr steht Dewey Dell mit einem Problem, für das sie kaum Unterstützung findet. Ihre Schwangerschaft bestimmt die Wahrnehmung der Reise, doch sie kann darüber nicht offen verhandeln. Männer, die ihr helfen könnten, verweigern Hilfe oder nutzen ihre Not aus. Die Erzählung macht ihre bedrängte Körperlichkeit spürbar, ohne ihr einen geschützten Raum für eine eigene Entscheidung zu geben.

Der fragmentierte Zugang zu Erfahrung verbindet das Buch mit Der Palast von Claude Simon. In beiden Fällen muss der Leser Beziehungen zwischen Wahrnehmungen herstellen, deren Sprecher keine gemeinsame Übersicht besitzen. Als ich im Sterben lag bindet diese Schwierigkeit besonders eng an familiäre Macht: Wer keinen passenden Satz findet, hat deshalb noch lange kein geringeres Bedürfnis und kann trotzdem leichter übergangen werden.

Anses Erfolg ist die böseste Pointe

Am Ende erreicht die Familie Jefferson und begräbt Addie. Damit wäre der Auftrag erfüllt, doch die Verluste sind ungleich verteilt. Cash hat körperlich schwer gelitten, Jewel sein Pferd verloren, Darl ist fortgebracht worden. Dewey Dells Geld steht nicht mehr für die Hilfe zur Verfügung, die sie gesucht hat, während Anse sich neue Zähne beschafft.

Dann präsentiert er eine neue Frau. Als ich im Sterben lag beendet die Fahrt mit einer Wendung, deren Komik kaum von ihrer Rücksichtslosigkeit zu trennen ist. Ausgerechnet der Mann, der am beharrlichsten seine Bedrängnis vorgetragen hat, gewinnt eine neue Ausstattung seines Lebens. Der familiäre Zusammenhang geht weiter, als ließe sich seine Mitte einfach neu besetzen.

Die Erfüllung der Pflicht verteilt keinen gerechten Lohn. Diese Pointe ist mehr als eine abschließende Überraschung. Sie schärft den Blick auf Anses Verhalten während der gesamten Fahrt: seine Abhängigkeit von fremder Arbeit, seine Ansprüche und seine Fähigkeit, Entscheidungen als von außen auferlegt erscheinen zu lassen. Sein Erfolg benötigt keine besondere Stärke, sondern die fortgesetzte Bereitschaft anderer, die Folgen zu tragen.

Gleichzeitig würde es den Roman verkleinern, Anse zum einzigen Schuldigen zu erklären. Die Kinder in Als ich im Sterben lag besitzen eigene Wünsche, die Nachbarschaft ihre Urteile, die religiöse Sprache ihre Ausweichmöglichkeiten. Niemand kann die Verhältnisse mit einem abschließenden Satz ordnen. Die Komik entsteht gerade daraus, dass ein erkennbares Muster von Ausnutzung innerhalb einer unübersichtlichen Folge gegenseitiger Abhängigkeiten wirksam bleibt.

Innerhalb der amerikanischen Literatur steht Als ich im Sterben lag für eine Moderne, die formale Kühnheit mit einer sehr konkreten sozialen Welt verbindet. Seine Figuren sind weder bloße Opfer einer rückständigen Region noch überzeitliche Beispiele menschlicher Torheit. Sie leben von Arbeit, benötigen Geld und sind aufeinander angewiesen. Genau deshalb trifft der Schluss so hart: Die Rückkehr zur Normalität kann bedeuten, dass eine ungerechte Ordnung ihre Fortsetzung gefunden hat.

Zitat aus Als ich im Sterben lag von William Faulkner: Manchmal verliere ich für eine Weile den Glauben an die menschliche Natur; mich überkommen Zweifel.

Stimmen aus Als ich im Sterben lag

Die folgenden Stellen aus Als ich im Sterben lag sind eigene Übertragungen des englischen Originaltexts. Sie übernehmen keinen Wortlaut einer deutschen Buchübersetzung. Die Auswahl stellt fünf Stimmen nebeneinander, deren Unterschiede die Erzählung tragen und eine einheitliche Familiensprache verhindern.

  1. »Ich habe ihn auf Gehrung gemacht.« Cash beginnt mit einer Erklärung seiner Konstruktion. Seine nachfolgende Aufzählung sucht Sicherheit in überprüfbaren Gründen. Das Handwerk gibt ihm eine Ordnung, die der gemeinsame Umgang mit dem Tod nicht besitzt, und macht seine Fürsorge zugleich präzise und befremdlich.
  2. »Meine Mutter ist ein Fisch.« Vardamans berühmter Satz füllt ein eigenes Kapitel. Er verbindet den Tod der Mutter mit einer anderen körperlichen Erfahrung, die er gerade gemacht hat. Das Kind sucht eine denkbare Verbindung. Die Kürze zeigt keine Gefühlskälte, sondern die Verzweiflung eines Bewusstseins, dem die üblichen Erklärungen fehlen.
  3. »Ich fühle mich wie ein feuchter Same, wild in der heißen blinden Erde.« Dewey Dell erlebt ihre Lage als überwältigende körperliche Einschließung. Ihr Bild spricht zugleich von Fruchtbarkeit und Ausgeliefertsein. Die Schwangerschaft wird so als bedrängende Gegenwart erfahrbar, lange bevor andere ihre Bedürfnisse überhaupt als verhandelbare Angelegenheit anerkennen.
  4. »Da lernte ich, dass Wörter nichts taugen.« Addie stellt die gesellschaftlichen Bezeichnungen ihres Lebens infrage. Der anschließende Gedanke richtet sich gegen die mangelnde Passung von Wörtern und Erfahrung. Dass gerade sie ein eigenes Kapitel erhält, macht den Widerspruch produktiv: Sprache reicht nicht aus und bleibt dennoch ihr einziges Mittel, den Deutungen anderer entgegenzutreten.
  5. »Es braucht zwei Menschen, um dich zu machen, und einen, um zu sterben.« Darl formuliert eine bittere Asymmetrie. Entstehung verbindet Menschen, Sterben vereinzelt sie. In Als ich im Sterben lag erklärt diese Einsicht die Familie nicht abschließend, sondern steht neben ihren widersprüchlichen Bemühungen, die Vereinzelung gemeinsam zu bewältigen.

Hintergründe zu Form, Entstehung und Übersetzung

  1. Der Roman erschien 1930. Nach eigener späterer Darstellung schrieb der Autor ihn in nur sechs Wochen während seiner nächtlichen Arbeit im Heizwerk der Universität. Diese Entstehungsgeschichte sollte als Selbstauskunft gelesen werden; sie passt zum betonten Anspruch, eine von Anfang bis Ende geplante erzählerische Kraftprobe zu schaffen. 🌐 Deutschlandfunk
  2. Der Titel greift auf Homers Odyssee zurück. Die Reise der armen Farmer erhält damit einen epischen Hintergrund, den ihre materiellen Schwierigkeiten zugleich ernüchtern. Zum Vergleich eignet sich 👉 Morgen und Abend von Jon Fosse: Auch dort erhält ein gewöhnliches Leben durch Geburt und Tod einen ungewöhnlichen erzählerischen Maßstab, allerdings in ganz anderem Ton. 🌐 Quelle zur Titelherkunft
  3. Als ich im Sterben lag besteht aus 59 Abschnitten mit 15 verschiedenen Erzählerstimmen. Die Überschriften nennen jeweils die sprechende Figur. Der Wechsel ist sichtbar organisiert. Die Orientierungslosigkeit entsteht deshalb weniger aus einer verborgenen Sprecherzuordnung als daraus, dass Wahrnehmungen einander ergänzen, widersprechen oder Vorgänge voraussetzen, die erst später verständlich werden. 🌐 Originaltext
  4. Literarische Bedeutung: Als ich im Sterben lag gilt als eines seiner Meisterwerke und als Klassiker der amerikanischen Literatur. Er wurde für seine innovative Erzähltechnik, die Tiefe der Charakterisierung und die tiefgründige Erforschung menschlicher Erfahrungen gelobt. Der Roman festigte seinen Ruf als eine bedeutende literarische Figur. Sie trug so umfangreich dazu bei, dass er 1949 den Nobelpreis für Literatur erhielt.
  5. Cashs erstes eigenes Kapitel erläutert den Sargbau in einer nummerierten Liste. Die Buchseite übernimmt damit vorübergehend die Form einer technischen Begründung. Dieses auffällige Detail zeigt, wie weit der Roman seine sprachlichen Mittel öffnet: Auch eine Aufzählung handwerklicher Gründe kann eine Figur charakterisieren und einen Beitrag zur Darstellung von Trauer leisten.

Wie der Schreibstil aus Einzelstimmen eine Fahrt zusammensetzt

Der Schreibstil von Als ich im Sterben lag ist abwechslungsreicher, als das Etikett Bewusstseinsstrom vermuten lässt. Neben inneren Monologen stehen Dialoge, genaue Landschaftsbilder, wiedergegebene Beobachtungen und Cashs technische Liste. Manche Abschnitte erschließen sich unmittelbar, andere setzen einen Zusammenhang voraus, den der Leser noch nicht kennt. Die Erzählung bewegt sich zwischen alltäglicher Verständlichkeit und plötzlicher sprachlicher Fremdheit.

Darl kann einen Vorgang in dichten Bildern entfalten, während Anse sich in wiederkehrenden Rechtfertigungen einrichtet. Vardamans Denken arbeitet mit Verknüpfungen, die Erwachsene vorschnell für Unsinn erklären würden. Dewey Dell nimmt ihre Umgebung unter dem Druck eines kaum aussprechbaren Problems wahr. Die Unterschiede in Als ich im Sterben lag liegen deshalb nicht nur im Wortschatz, sondern darin, was jeweils überhaupt Aufmerksamkeit erhält.

Jede Stimme lässt etwas anderes aus. Der Leser muss daraus eine vorläufige Übersicht bilden, ohne eine neutrale Kontrollinstanz zu bekommen. Wiederholte Szenen liefern zusätzliche Einzelheiten, aber nicht automatisch Einigkeit. Eine Handlung kann von außen hilfsbereit wirken und aus der Innenperspektive zugleich Zorn, Scham oder Eigennutz enthalten, ohne dass eine dieser Ebenen die anderen vollständig aufhebt.

Als ich im Sterben lag verbindet diese Unsicherheit mit ausgesprochen körperlichen Wiederholungen. Der Sarg bleibt schwer, der Weg schwierig, der Geruch zunehmend unerträglich. Solche Konstanten halten die Fahrt zusammen, während Sprache und zeitliche Reihenfolge sich verändern. Die Form besitzt dadurch mehr Halt, als der Ruf eines besonders schwierigen Romans erwarten lässt, verlangt aber Aufmerksamkeit für Details und Namen.

Seine anspruchsvollsten Stellen müssen nicht beim ersten Lesen vollständig aufgehen. Hilfreich ist, zunächst Sprecher, gegenwärtigen Ort und unmittelbares Bedürfnis festzuhalten. Dadurch tritt hinter dem ungewöhnlichen Satzbau eine präzise organisierte Bewegung hervor. Das ästhetische Vergnügen liegt dann nicht bloß im Entschlüsseln, sondern in der Erfahrung, dass dieselbe Reise mit jeder Stimme zugleich vertrauter und weniger eindeutig wird.

Warum sich die Mühe mit diesen Stimmen lohnt

Als ich im Sterben lag ist ein gutes Buch für Leser, die familiäre Nähe nicht mit gegenseitigem Verständnis gleichsetzen. Die Bundrens leben und arbeiten zusammen, doch vieles bleibt unausgesprochen oder wird nur indirekt wahrgenommen. Der Roman nimmt diese Distanz ernst. Er erklärt sie weder durch einen einzigen bösen Charakter noch durch ein einfaches Versagen der Kommunikation.

Besonders ergiebig ist die Verteilung von Sorgearbeit. Cash baut und leidet, Jewel rettet und verliert, Nachbarn helfen, während Anse auf sein gegebenes Wort verweist. Wer Pflicht sagt, muss nicht selbst am meisten tragen. Die Erzählung macht sichtbar, wie moralische Anerkennung und tatsächlicher Aufwand auseinanderfallen können, auch wenn alle Beteiligten ihre Gründe besitzen.

Ebenso aufschlussreich bleibt der Umgang mit Stimmen, die keinen anerkannten Ausdruck finden. Vardamans kindliches Denken und Dewey Dells bedrängte Wahrnehmung fordern eine andere Aufmerksamkeit als die verständlich vorgetragenen Ansprüche des Vaters. Der Roman belohnt diese Aufmerksamkeit mit Einsichten in Bedürfnisse, die ein äußerer Bericht leicht übergehen würde. Literarische Form erhält hier ein sehr konkretes Gewicht.

Als ich im Sterben lag verlangt allerdings etwas Geduld und Bereitschaft zu unangenehmen Szenen. Körperlicher Verfall, die Ausnutzung sexueller Not und der Umgang mit Darl lassen sich nicht als bloß skurrile Episoden abtun. Auch der Humor ist selten entlastend. Als ich im Sterben lag lässt uns lachen und nimmt dem Lachen unmittelbar darauf die sichere Position, von der aus wir uns den Figuren überlegen fühlen könnten.

Gerade deshalb lohnt sich die Reise. Der Roman bietet weder eine ideale Familie noch einen übersichtlichen Katalog ihrer Fehler, sondern einen Zusammenhang aus Arbeit, Abhängigkeit und widersprüchlicher Bindung. Wer die wechselnden Stimmen zunächst als Hindernis erlebt, entdeckt nach und nach ihren Gewinn: Sie verhindern, dass eine einzige Person bestimmen darf, was diese letzte Pflicht für alle anderen bedeutet und welche Verluste angeblich notwendig gewesen sind.

Zusammenfassung der Rezension von Als ich im Sterben lag

Addie Bundren liegt im Sterben, während ihr ältester Sohn Cash ihren Sarg baut. Nach ihrem Tod will ihr Mann Anse den versprochenen Begräbnisort Jefferson erreichen. Die Kinder Cash, Darl, Jewel, Dewey Dell und Vardaman begleiten ihn. Jeder erlebt den Verlust anders, und schon die verzögerte Abfahrt verbindet Trauer mit wirtschaftlicher Not und familiären Spannungen.

Hochwasser hat Brücken zerstört und erschwert den Weg. Bei einer gefährlichen Flussüberquerung ertrinken die Maultiere, Cash wird verletzt, der Sarg und seine Werkzeuge müssen gerettet werden. Anse beschafft Ersatztiere, wobei auch Jewels Pferd verloren geht. Cashs Bein wird später mit Zement behandelt, was seine ohnehin schwere Verletzung zusätzlich verschlimmert und die Rücksichtslosigkeit der Improvisation zeigt.

Währenddessen sucht die schwangere Dewey Dell Hilfe, ohne sie zu erhalten. Vardaman versucht den Tod der Mutter durch kindliche Verbindungen zwischen Mensch, Fisch und Sarg zu begreifen. Ein eigenes Kapitel Addies erzählt von ihrer Ehe und ihrer Beziehung zu Whitfield, aus der Jewel stammt. Die Stimmen enthüllen verschiedene Familiengeschichten. Kein Mitglied besitzt die ganze Übersicht über das Leben der anderen.

Darl setzt die Scheune in Brand, in der der Sarg untergebracht ist. Jewel rettet ihn, und die übrige Familie stimmt schließlich zu, Darl in eine psychiatrische Einrichtung bringen zu lassen. In Jefferson wird Addie begraben. Dewey Dell wird von einem Mann, der Hilfe verspricht, sexuell ausgenutzt; ihr Vater nimmt zudem das Geld, auf das sie ihre Hoffnung gesetzt hatte.

Als ich im Sterben lag endet mit Anses neuen Zähnen und seiner überraschenden Vorstellung einer neuen Ehefrau. Die Beerdigung ist vollzogen, die Familie jedoch beschädigt und verkleinert. Gerade der Vater scheint aus dem Unternehmen persönlichen Gewinn gezogen zu haben, während die Kosten bei anderen liegen und das gemeinsame Leben unter veränderten Vorzeichen weitergehen soll.

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