Ansichten eines Clowns: Heimkehr und Moral
Ansichten eines Clowns beginnt mit einer Heimkehr, die keinen Halt verspricht. Heinrich Böll lässt den verletzten Komiker Hans Schnier nach Bonn zurückkehren und verdichtet seinen Gesellschaftsroman auf Telefonate, Erinnerungen und einen schmerzhaften Liebesverlust. Der Mann mit der Schminke misstraut den Fassaden. Doch wer seinem Urteil folgt, muss auch prüfen, was dieser ebenso scharfsinnige wie selbstbezogene Erzähler an sich selbst übersieht.

Bonn meldet sich am Telefon
Hans Schnier ist siebenundzwanzig, beruflich auf dem Abstieg und körperlich angeschlagen. Seit Marie ihn verlassen hat, gerät sein sorgfältig eingeübter Alltag aus dem Takt. Auftritte misslingen, die Unterkünfte werden schlechter, Alkohol verschärft die Unsicherheit seiner Bewegungen. In Ansichten eines Clowns sucht er zunächst etwas sehr Konkretes: Geld, Hilfe und vielleicht einen Menschen, der seine Lage versteht.
Das Telefon organisiert Ansichten eines Clowns wie eine Folge unfreiwilliger Vorsprechen. Hans wählt Nummern, hört Stimmen und prüft die Reaktionen auf sein Bedürfnis. Seine Gesprächspartner sind nicht nur mögliche Helfer. Mit jedem Namen kehrt ein Stück gemeinsamer Vergangenheit zurück, das den gegenwärtigen Austausch belastet oder in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Die Wohnung wird zum gesellschaftlichen Kreuzungspunkt. Der Roman benötigt keine ausführliche Wanderung durch Bonn, um ein Milieu vorzuführen. Beziehungen bringen die Stadt zum Erzähler, während sein verletztes Knie und sein Geldmangel ihn festhalten. Diese räumliche Enge verleiht seinen Erinnerungen Dringlichkeit: Er kann sich nicht einfach eine neue Umgebung suchen, sobald ein Gespräch unangenehm wird.
Seine verletzliche Angriffslust erinnert an Der Fänger im Roggen von J. D. Salinger. Beide Ich-Erzähler entdecken Falschheit mit einem feinen Gespür und machen es zugleich schwer, ihre eigenen Ansprüche zu erfüllen. Hans ist allerdings erwachsen und muss von einer beruflichen Fähigkeit leben, die durch seine Krise beschädigt wird. Seine Abwehr hat unmittelbare wirtschaftliche Folgen.
Ansichten eines Clowns gewinnt seine Spannung aus dieser Verbindung von Not und Urteil. Hans braucht Menschen, deren Sprache und Selbstbild ihn abstoßen. Die Telefonate zwingen ihn deshalb, Hilfe zu erbitten und zugleich die Bedingungen der Hilfe zurückzuweisen. Wer ihn nur als freien Außenseiter betrachtet, übersieht, wie eng seine Unabhängigkeit an Geld, körperliche Leistungsfähigkeit und die Bereitschaft anderer gebunden bleibt, ihn weiterhin als Künstler ernst zu nehmen.
Marie fehlt und bleibt doch überall gegenwärtig
Marie Derkum erscheint vor allem in Hans Schniers Erinnerung. Er erzählt von einer langen gemeinsamen Beziehung, von Nähe, Gewohnheiten und dem Schmerz ihrer Abwesenheit. Sie hat sich von ihm getrennt und dem katholischen Züpfner zugewandt. Für Hans ist dieser Verlust so umfassend, dass er berufliche Zukunft, körperliches Wohlbefinden und die Möglichkeit eines erträglichen Alltags davon abhängig macht.
In Ansichten eines Clowns geht es dabei nicht einfach um Religion gegen Liebe. Marie ist gläubig, und Fragen nach Trauung und der Erziehung möglicher Kinder betreffen ihre eigene Lebensvorstellung. Hans empfindet kirchliche Anforderungen als Einmischung in eine bereits verbindliche Beziehung. Was ihm wie die Verteidigung einer vorhandenen Wahrheit erscheint, kann für sie bedeuten, dass ein wesentliches Bedürfnis unberücksichtigt bleibt.
Hans erzählt auch Maries Entscheidung für sie. Darin liegt die Grenze seiner Darstellung. Er kann den Druck ihres Umfelds beobachten und kritisieren, erhält aber keinen uneingeschränkten Zugang zu ihrem Inneren. Wenn er ihre Trennung vor allem als Sieg der anderen beschreibt, droht ihre Handlungsmacht zu verschwinden. Ansichten eines Clowns verlangt deshalb Aufmerksamkeit für die abwesende Person hinter seinem Schmerz.
Die Verbindung von Selbstbeobachtung und Verengung lässt sich neben Der Steppenwolf von Hermann Hesse lesen. Beide Werke zeigen Männer, deren Leiden von einer anspruchsvollen Deutung des eigenen Daseins begleitet wird. Diese Deutung schafft Einsicht, kann aber auch zur festgehaltenen Rolle werden. Hans erkennt die Verlogenheit seiner Umgebung leichter als die Zumutung, eine andere Person zur einzigen möglichen Heilung zu erklären.
Das mindert die Ernsthaftigkeit seiner Liebe nicht. Ansichten eines Clowns gewinnt vielmehr dort an Tiefe, wo aufrichtige Bindung und Besitzanspruch nebeneinander sichtbar werden. Maries Abwesenheit lässt sich weder durch eine kirchliche Schuldzuweisung noch durch eine Diagnose seiner Schwäche erledigen. Es bleibt eine Trennung zwischen zwei Lebensentwürfen, von denen wir einen viel ausführlicher hören als den anderen.

Ansichten eines Clowns prüft die Moral ihrer Verwalter
Die katholischen Kreise, mit denen Hans in Berührung kommt, sprechen von Ordnung, Verantwortung und richtigen Lebensformen. Für den Erzähler zeigt sich ihre Glaubwürdigkeit jedoch daran, wie sie mit konkreten Menschen umgehen. Er erlebt, dass eine nicht kirchlich abgesicherte Verbindung als Problem erscheint, während gesellschaftliche Anpassung und berufliches Fortkommen weniger strenge Prüfungen bestehen müssen. Dieser Gegensatz treibt seinen Zorn an.
Ansichten eines Clowns richtet sich dabei besonders gegen das selbstverständliche Recht eines Milieus, über fremde Beziehungen zu verfügen. Hans und Marie haben einen gemeinsamen Alltag, doch andere beanspruchen, dessen moralischen Status verbindlich festzulegen. Sprache wirkt hier als soziale Macht. Wer die anerkannten Begriffe beherrscht, kann eine intime Erfahrung in einen Fall verwandeln, über den Außenstehende urteilen.
Fürsorge wird unglaubwürdig, wenn sie nur einordnet. Hans misst die Gesprächspartner an ihrer Bereitschaft, seine wirkliche Lage wahrzunehmen. Ein korrektes Bekenntnis hilft ihm weder beim verletzten Knie noch bei der verlassenen Wohnung. Die Schärfe seiner Satire entsteht aus der Differenz zwischen dem hohen Anspruch öffentlicher Moral und der dürftigen praktischen Antwort auf einen Menschen in Not.
Trotzdem sollte seine Polemik nicht als vollständiges Bild katholischen Lebens gelesen werden. Hans benutzt selbst liturgische Texte und Melodien, obwohl er keiner Kirche angehört. Er unterscheidet faktisch zwischen religiösen Formen, die ihn berühren, und einer gesellschaftlichen Verwaltung des Glaubens, die er ablehnt. Auch sein Bruder Leo gehört als angehender katholischer Geistlicher in diesen Zusammenhang und besitzt eine eigene religiöse Bindung.
Innerhalb der deutschen Literatur macht Ansichten eines Clowns damit einen Konflikt der frühen Bundesrepublik hörbar, ohne im Zeitbild aufzugehen. Die entscheidende Frage bleibt konkret: Was geschieht, wenn Menschen ihre vermeintlich richtige Haltung höher gewichten als das Gegenüber? Hans stellt sie mit großer Berechtigung und in einer Form, die zugleich sichtbar macht, wie schnell auch berechtigte Kritik pauschal und ungerecht werden kann.
Im Familiengedächtnis dauert der Krieg an
Hans stammt aus einer wohlhabenden Familie. Sein Geldmangel ist deshalb nicht einfach die Fortsetzung einer armen Herkunft, sondern steht in einem spannungsvollen Verhältnis zu vorhandenen Ressourcen und verweigerter Zugehörigkeit. Der Vater könnte helfen, verbindet Unterstützung jedoch mit Vorstellungen eines vernünftigen Lebenswegs. Der Sohn benötigt Mittel und will sich zugleich keiner Ordnung unterwerfen, deren Maßstäbe er verachtet.
Schwerer wiegt die Erinnerung an seine Schwester Henriette. Ihre Beteiligung am Krieg und ihr Tod bleiben für Hans mit der damaligen Haltung seiner Mutter verbunden. Deren spätere gesellschaftliche Rolle kann die Vergangenheit nicht auslöschen. Ansichten eines Clowns hält an einer Verletzung fest, die in den Erzählungen des gelungenen Neubeginns keinen bequemen Platz erhält.
Hans erinnert, wo die Familie sich neu beschreibt. Der Wechsel öffentlicher Überzeugungen erscheint ihm verdächtig, wenn er ohne erkennbare Auseinandersetzung mit früherer Verantwortung erfolgt. Damit wird die Familiengeschichte zu einer Prüfung des gesellschaftlichen Wiederaufbaus. Neues Ansehen und neue Zugehörigkeiten beantworten nicht automatisch die Frage, was aus alten Einstellungen und den von ihnen Betroffenen geworden ist.
Ein aufschlussreicher Nachbar ist Die Blechtrommel von Günter Grass. Auch dort bringt ein auffälliger Erzähler die bürgerliche Selbstbeschreibung aus dem Takt und verbindet private Erinnerung mit deutscher Geschichte. Die Mittel unterscheiden sich deutlich: Hans arbeitet vor allem mit Stimmen, Kränkungen und genauen Wiedererkennungen. Sein Misstrauen entsteht aus dem, was vertraute Menschen früher gesagt haben und später nicht mehr erinnern möchten.
Ansichten eines Clowns macht dieses Gedächtnis jedoch nicht kostenlos tugendhaft. Hans kann sich an Verletzungen festhalten und jede gegenwärtige Annäherung durch vergangene Schuld blockieren. Ansichten eines Clowns zeigt damit eine schwierige Lage, ohne sie durch ein versöhnliches Familiengespräch aufzulösen. Erinnerung ist notwendig, aber sie schafft noch keinen Weg, auf dem der Erinnernde leben, arbeiten und Beziehungen fortsetzen kann, ohne sich selbst erneut zu verleugnen.
Der Künstler kann durchschauen und trotzdem irren
Als Clown arbeitet Hans mit genau geplanten Bewegungen. Seine scheinbare Ungeschicklichkeit ist normalerweise eine kontrollierte Form, keine bloße Eigenschaft seiner Person. Sobald Alkohol und Verzweiflung diese Kontrolle zerstören, bleibt von der Nummer ein tatsächliches Misslingen übrig. Das Publikum sieht vielleicht noch einen komischen Körper, doch der Künstler erlebt den Verlust seines Handwerks und damit seiner Existenzgrundlage.
Ansichten eines Clowns nimmt diese Arbeit ernster, als die romantische Figur des traurigen Spaßmachers vermuten lässt. Auftritt, Gage, Unterbringung und körperlicher Zustand hängen zusammen. Der Absturz zeigt sich in schlechteren Zimmern und ausbleibenden Engagements. Seine Unabhängigkeit hat berufliche Bedingungen. Es genügt nicht, die Gesellschaft zu verachten, wenn man vor ihr auftreten und von ihrer Aufmerksamkeit leben muss.
Hier lohnt der Vergleich mit Ein Hungerkünstler von Franz Kafka. Beide Werke prüfen das Verhältnis eines Künstlers zu einem Publikum, das seine Arbeit nur teilweise versteht. Hans verfügt allerdings über eine ausgesprochen redegewandte Selbstdeutung. Er kann erklären, wie sehr er verkannt wird, und gerade diese Fähigkeit macht es nötig, seine Erklärung ebenfalls kritisch anzuhören.
Denn der Clown ist nicht nur Opfer einer kalten Umwelt. Er verlangt viel, urteilt hart und kann den Unterschied zwischen notwendiger Unnachgiebigkeit und persönlicher Verhärtung aus dem Blick verlieren. Seine Verletzlichkeit erklärt diesen Zug, entschuldigt aber nicht jeden Umgang mit anderen. Der Roman wird stärker, wenn wir seine Urteile auf ihre Beobachtungskraft prüfen, statt sie allein wegen ihres scharfen Tons für wahr zu halten.
Am Schluss verlegt Hans seinen Auftritt auf die Bahnhofstreppe. Ansichten eines Clowns lässt offen, ob darin vor allem ein künstlerischer Protest, eine ökonomische Niederlage oder ein letzter Versuch der Verbindung liegt. Alle drei Möglichkeiten haben Gewicht. Die Schminke macht seine Situation sichtbar, aber sie gibt ihm weder Marie zurück noch die Gewissheit, dass die Vorübergehenden erkennen, was sie vor sich haben.

Kurze Zitate aus Ansichten eines Clowns
Diese knappen Zitate aus Ansichten eines Clowns stammen aus dem ersten Kapitel. Sie sind in der Verlagsleseprobe nachprüfbar. Zusammen zeigen sie, wie eng der Roman berufliche Selbstbeschreibung, Liebesverlust und die Kunst des Gesprächs miteinander verknüpft.
- »Ich bin ein Clown« lautet Hans Schniers Selbstvorstellung. Er benennt zunächst einen Beruf, bevor der Leser darin eine gesellschaftliche Rolle erkennen kann. Die anschließenden Angaben ordnen ihn nüchtern ein und wirken gerade deshalb spannungsvoll: Seine konkrete Tätigkeit wird bald von allen Seiten mit Erwartungen und Vorurteilen überladen.
- »Melancholie und Kopfschmerz« bezeichnet die Leiden, gegen die er unter anderem liturgische Gesänge verwendet. Die Verbindung setzt seelische und körperliche Beschwerden eng zusammen. Sie zeigt außerdem, dass religiöse Formen für Hans Bedeutung haben können, obwohl er kirchliche Zugehörigkeit und die Ansprüche ihres gesellschaftlichen Umfelds entschieden zurückweist.
- »Marie hat mich verlassen.« stellt den Einschnitt mit äußerster Einfachheit fest. Der Satz steht im Zusammenhang seiner Vorstellung, nur sie könne ihn dauerhaft heilen. Der Verlust organisiert seine ganze Wahrnehmung. Seine Ehrlichkeit macht die Abhängigkeit sichtbar und gibt dem Leser zugleich einen Grund, diese umfassende Zuschreibung kritisch zu betrachten.
- »Eine fürchterliche Erniedrigung.« nennt Hans das Lachen über seine eigenen Einfälle während eines misslungenen Auftritts. Was harmlos klingen könnte, bedeutet für ihn den Verlust professioneller Kontrolle. Der Künstler unterscheidet streng zwischen einer geplanten komischen Wirkung und der Situation, selbst unbeherrscht Teil des unfreiwilligen Gelächters zu werden.
- »Schweigen ist eine gute Waffe« denkt er während einer Auseinandersetzung über sein Honorar. Der redegewandte Erzähler weiß also auch, wie wirkungsvoll eine verweigerte Antwort sein kann. Ansichten eines Clowns stellt Gesprächsmacht nicht ausschließlich auf die Seite seiner Gegner: Hans beobachtet, kalkuliert und nutzt die Verlegenheit des anderen, selbst wenn er finanziell in der schwächeren Position bleibt.
Hintergründe zu Debatte, Widmung und Adaptionen
- Als Ansichten eines Clowns im Mai 1963 in den Buchhandel kam, hatte sein Vorabdruck in der Süddeutschen Zeitung bereits Diskussionen ausgelöst. Die Auseinandersetzung betraf besonders die dargestellten Lebensformen und das katholische Milieu. Die Liebesgeschichte wurde öffentlich zum Streitfall. Dieser frühe Streit gehört zur Wirkungsgeschichte des Buches, legt seine Deutung aber nicht abschließend fest. 🌐 Quelle
- Nobelpreis: Heinrich Böll wurde 1972, fast ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung von Ansichten eines Clowns, mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Sein Gesamtwerk wurde für seinen Beitrag zur deutschen Literatur gewürdigt. Insbesondere für seine Gesellschaftskritik, die Auseinandersetzung mit Nachkriegsthemen und die Darstellung der menschlichen Existenz (👉 Existenzielle Literatur).
- Dem Roman ist eine Widmung an Annemarie vorangestellt. Direkt danach folgt ein biblisches Motto über Menschen, die sehen und verstehen werden, obwohl ihnen zuvor nichts verkündet wurde. Diese Rahmung ist bemerkenswert bei einem Buch, dessen Hauptfigur kirchliche Autoritätsansprüche angreift und dennoch keineswegs außerhalb jeder religiösen Bildwelt oder Erfahrung steht. 🌐 Verlagsleseprobe
- 2012 brachte theater 89 eine Bühnenfassung in Berlin heraus. Hans-Joachim Frank führte Regie; das Ensemble nennt den 6. April als Premierentermin. Der Stoff kehrt damit zu einer Kunstform zurück, die schon die Hauptfigur ausübt, und stellt die schwierige Aufgabe, erinnerte Menschen und gegenwärtige Einsamkeit auf einer gemeinsamen Bühne erfahrbar zu machen. 🌐 theater 89
- Die 1976 uraufgeführte Verfilmung entstand unter der Regie von Vojtěch Jasný mit Helmut Griem und Hanna Schygulla. Für einen Vergleich von Darstellung und Gesellschaftssatire bietet sich 👉 Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht an. Beide Stoffe machen öffentlich vorgeführte Moral angreifbar, arbeiten jedoch mit unterschiedlichen Beziehungen zwischen Einzelfigur, Publikum und sozialer Ordnung. 🌐 Quelle zur Verfilmung
Der Schreibstil hört auf Stimmen und Selbstwidersprüche
Der Schreibstil von Ansichten eines Clowns lebt von einer Stimme, der man leicht zuhört und nicht immer zustimmen sollte. Hans erzählt direkt, präzise und häufig komisch. Eine kleine sprachliche Wendung genügt ihm, um Herablassung oder Heuchelei bloßzustellen. Seine Sätze erzeugen Nähe, bevor der Leser entschieden hat, wie verlässlich ihre Urteile im einzelnen Fall sind.
Die Gegenwart umfasst nur einen engen Zeitraum. Telefonate und wenige Begegnungen öffnen jedoch immer neue Erinnerungsräume, in denen Schule, Familie, Krieg und die Beziehung zu Marie aufscheinen. Diese Rückblenden folgen emotionalen Verbindungen. Der Roman ordnet das Leben nicht als lückenlosen Lebenslauf, sondern lässt das gegenwärtig Verletzende bestimmen, welche Vergangenheit plötzlich wieder anwesend ist.
Die Erinnerung antwortet auf jede Stimme mit. Deshalb sind die Telefonate weit mehr als ein Mittel, Informationen zu vermitteln. Hans hört gesellschaftliche Rollen und persönliche Vorgeschichten, selbst wenn sein Gegenüber nur eine praktische Auskunft gibt. Die technische Nähe des Telefons verschärft dabei die menschliche Distanz: Eine Stimme ist unmittelbar verfügbar, während Verständnis oder Hilfe ausbleiben können.
Ansichten eines Clowns gewinnt viel aus dieser Beschränkung, riskiert aber auch Einseitigkeit. Manche Nebenfiguren erscheinen so deutlich durch Hans‘ Abneigung gezeichnet, dass ihre Eigenständigkeit hinter der satirischen Funktion zurücktritt. Nicht jede Pointe öffnet einen Menschen; einige schließen ihn vorschnell in eine erkennbare Rolle ein. Die überzeugenderen Stellen lassen dagegen Zweifel an der Sicherheit des Erzählers entstehen.
Besonders stark wirkt der Wechsel zwischen schnellem Spott und nüchternen materiellen Angaben. Ein Honorar, eine Taxifahrt oder ein schlechteres Zimmer unterbricht jede Verklärung des leidenden Künstlers. Der Roman braucht dafür keinen feierlichen Ton und keine abschließende moralische Erklärung. Er lässt die Stimme eines Menschen sprechen, der sich behaupten will, und zeigt zugleich, wie viel Unsicherheit hinter der Beherrschung dieser Stimme liegt, sobald er aufhört zu reden und wieder allein ist.
Warum Ansichten eines Clowns mehr als ein Zeitdokument ist
Die konfessionellen Auseinandersetzungen des Romans benötigen heute teilweise Erläuterung. Wer ihren früheren gesellschaftlichen Einfluss nicht kennt, könnte Hans‘ Wut für übertrieben oder eigentümlich spezialisiert halten. Doch die Grundsituation ist leicht zugänglich. Eine Umgebung beansprucht, das gute Leben verbindlich zu definieren, während ein Einzelner darauf besteht, dass seine konkrete Beziehung und sein Bedürfnis nicht in dieser Definition aufgehen.
Ansichten eines Clowns lohnt sich deshalb besonders als Prüfung moralischer Selbstdarstellung. Hans fragt immer wieder, wie Menschen handeln, sobald ihre Grundsätze etwas kosten würden. Hilfsbereitschaft lässt sich nicht durch das richtige Vokabular ersetzen. Dieser Maßstab trifft Familien, religiöse Kreise und berufliche Beziehungen, ohne dass alle diese Zusammenhänge deshalb identisch wären oder dieselbe Form von Macht ausübten.
Mitgefühl verlangt mehr als Zustimmung zum Erzähler. Wer Hans ernst nimmt, muss auch Marie als Person ernst nehmen, deren Wünsche nicht vollständig in seiner Darstellung vorkommen. Ebenso muss der künstlerische Protest an seinen materiellen Bedingungen gemessen werden. Die Lektüre gewinnt, wenn sie weder den Außenseiter automatisch für recht erklärt noch seine Kritik durch den Hinweis auf seine persönlichen Fehler beiseiteschiebt.
Seine Schwächen sind dabei Teil des Reizes und gelegentlich eine Belastung. Hans kann selbstmitleidig wirken, manche Gegner geraten zu deutlich, und die Erinnerung kreist hartnäckig um wenige Verletzungen. Wer eine versöhnliche Entwicklung erwartet, wird wenig Entlastung finden. Ansichten eines Clowns hält sich bei einer Krise auf, deren Dauer für den Betroffenen sehr viel größer ist als der knappe Zeitraum der äußeren Handlung.
Gerade diese Konzentration macht das Buch lesenswert. Es zeigt, wie gesellschaftliche Ordnungen in Liebesbeziehungen, Sprechweisen und kleinen Geldfragen wirksam werden. Gleichzeitig verlangt es, zwischen einer berechtigten Beobachtung und einem unberechtigten Anspruch desselben Menschen zu unterscheiden. Diese doppelte Aufmerksamkeit bleibt anspruchsvoll und produktiv, weil ein verletzter Mensch zugleich scharfsinnig urteilen, unfair werden und auf wirkliche Hilfe angewiesen sein kann.
Zusammenfassung von Ansichten eines Clowns
Der Clown Hans Schnier kehrt nach einem misslungenen Auftritt und einer Knieverletzung nach Bonn zurück. Seine Lebensgefährtin Marie Derkum hat ihn verlassen und sich dem katholischen Züpfner zugewandt. Seitdem verschlechtert sich Hans‘ berufliche Lage, und sein Alkoholkonsum beschädigt die Genauigkeit seiner Auftritte. In seiner Wohnung sucht er telefonisch nach Hilfe und Geld, während Erinnerungen seine gegenwärtige Not immer wieder unterbrechen.
Ansichten eines Clowns entfaltet durch diese Gespräche die Geschichte seiner Beziehungen. Hans erinnert sich an die gemeinsame Zeit mit Marie und an Auseinandersetzungen über kirchliche Trauung und die Erziehung möglicher Kinder. Er sieht ihren Weggang vor allem als Folge des katholischen Umfelds. Der Leser erfährt ihre Geschichte jedoch hauptsächlich durch seine verletzte Perspektive und muss deren Grenzen mitbedenken.
Die Telefonate führen zugleich in seine wohlhabende Herkunftsfamilie. Hans misstraut dem gesellschaftlichen Ansehen seiner Eltern und erinnert an ihre Haltung während des Nationalsozialismus. Besonders der Tod seiner Schwester Henriette bleibt für ihn eine offene Wunde. Sein Vater bietet keine Hilfe zu Bedingungen, die Hans akzeptieren möchte, während der Bruder Leo sich auf ein katholisches geistliches Leben vorbereitet.
Auch Bekannte und Vertreter des religiösen Milieus verschaffen Hans keinen tragfähigen Ausweg. Seine Anrufe vergrößern die fühlbare Einsamkeit. Er verbindet berechtigte Kritik an moralischen Fassaden mit hohen Ansprüchen an andere und der Hoffnung, Marie könne seine Lage grundsätzlich verändern. Weder berufliche Sicherheit noch eine Versöhnung stellen sich während dieses Abends ein, und die Vergangenheit lässt sich durch die Gespräche nicht abschließen.
Am Ende schminkt sich Hans und setzt sich mit seiner Gitarre auf die Treppe des Bonner Bahnhofs. Vorübergehende können ihm Geld geben, während er auf Marie wartet. Ansichten eines Clowns lässt diesen Auftritt offen: Er ist ein Zeichen des Abstiegs, eine öffentliche Darstellung seiner Lage und ein Festhalten an einer Hoffnung, deren Erfüllung der Roman nicht bestätigt.
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