Arc de Triomphe: Ohne Papiere im nächtlichen Paris

In Arc de Triomphe kann ein Mann Leben retten und trotzdem jederzeit abgeschoben werden. Erich Maria Remarque erzählt einen Exil- und Liebesroman, dessen politische Härte aus alltäglichen Abhängigkeiten entsteht. Ravics Können schützt ihn nicht vor Rechtlosigkeit. Paris bietet ihm Arbeit, Begegnungen und eine neue Liebe, aber keinen verlässlichen Platz in der Welt.

Illustrationen zu den einzelnen Szenen aus Arc de Triomphe von Erich Maria Remarque

Ein Chirurg arbeitet, andere erhalten die Anerkennung

Der Operationssaal müsste Ravics sicherster Ort sein. Hier besitzt er Erfahrung, Entschlusskraft und eine Geschicklichkeit, auf die andere Ärzte angewiesen sind. Trotzdem darf er seinen Beruf nicht offen ausüben. Französische Kollegen lassen ihn schwierige Eingriffe übernehmen und kassieren den größeren Anteil an Geld und Anerkennung. In Arc de Triomphe steht hinter medizinischer Autorität deshalb eine verschwiegene Arbeitsteilung, deren Ungerechtigkeit niemand mit fachlicher Überlegenheit erklären kann.

Ravic braucht die Aufträge, weil ihm legale Möglichkeiten fehlen. Seine Auftraggeber brauchen ihn ebenfalls, können diese Abhängigkeit jedoch verbergen. Der schlechter Geschützte trägt das größere Risiko. Eine Kontrolle bedroht nicht bloß seinen Arbeitsplatz, sondern seinen Aufenthalt. Der Roman zeigt Ausbeutung als Verhältnis zwischen Menschen, die einander durchaus kennen und deren höflicher Umgang die ungleiche Verteilung der Macht keineswegs aufhebt.

Eine aufschlussreiche Gegenlektüre bietet Die Pest von Albert Camus. Dort wird ärztliche Arbeit zum Ausgangspunkt einer gemeinschaftlichen Antwort auf die Katastrophe. Ravic muss zunächst verbergen, dass er überhaupt helfen kann. Diese Differenz verändert die ethische Frage: Nicht allein die Entscheidung zum Handeln zählt, sondern auch die gesellschaftliche Erlaubnis, für das eigene Handeln sichtbar einzustehen. Seine Patienten erfahren nur einen Teil dieser Geschichte.

Die medizinischen Szenen verleihen Arc de Triomphe einen nüchternen Widerstand gegen bloßes Mitleid. Der Flüchtling erscheint als hochqualifizierter Mensch mit beruflichem Stolz, gelegentlicher Ungeduld und einem genauen Blick für körperliches Leiden. Er braucht keine idealisierte Hilflosigkeit, um Anspruch auf Schutz zu haben. Gerade seine Kompetenz macht die Lage bitter: Eine Gesellschaft nimmt seine Leistungen an und verweigert ihm zugleich die Bedingungen eines gesicherten Lebens. Darin liegt eine der stärksten politischen Beobachtungen des Romans.

Paris gewährt Unterschlupf, aber keine Sicherheit

Ravic kennt die nächtlichen Straßen, die geöffneten Lokale und die Wege zwischen Hotels und Kliniken. Diese Vertrautheit kann für einen Augenblick wie Zugehörigkeit aussehen. Doch schon die Aussicht auf eine Polizeikontrolle verändert ihren Sinn. Wer keine gültigen Papiere besitzt, bewegt sich durch dieselbe Stadt unter anderen Voraussetzungen als ein Einwohner, der lediglich spät nach Hause geht. Ortskenntnis ersetzt keine Aufenthaltsberechtigung.

Das Hotel Verdun bündelt diese Erfahrung. Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und verlorenen Heimaten begegnen sich in einem Haus, das Schutz nur auf Widerruf bieten kann. Kleine Gefälligkeiten, Informationen und Rücksichtnahmen bekommen erhebliches Gewicht. In Arc de Triomphe entsteht Solidarität häufig aus solchen praktischen Gesten, nicht aus feierlichen Bekenntnissen. Zugleich bleibt das Zusammenleben von Geldnot, Angst und den verschiedenen Erfahrungen der Bewohner geprägt.

Gastfreundschaft kann weiter reichen als staatlicher Schutz. Eine Wirtin kann jemanden aufnehmen, aber die drohende Ausweisung nicht dauerhaft verhindern. Ein Freund kann zuhören, ohne eine Grenze durchlässiger zu machen. Diese begrenzten Möglichkeiten wertet der Roman dennoch nicht als bedeutungslos ab. Er interessiert sich für Hilfe, die ihre Unzulänglichkeit kennt und trotzdem stattfindet. Gerade dadurch erhalten die Nebenfiguren mehr Gewicht als bloße Zeugen von Ravics Unglück.

In Der Vize-Konsul von Marguerite Duras verteilt ein anderer gesellschaftlicher Raum Sichtbarkeit und Ausschluss. Diplomatische Kreise können dort Distanz zu der Not außerhalb ihrer privilegierten Welt herstellen. Hier führt der Blick dagegen durch die provisorischen Unterkünfte der Ausgeschlossenen. Arc de Triomphe verwandelt Paris so in ein Geflecht ungleich sicherer Lebensräume. Die Schönheit der Stadt bleibt erfahrbar, doch jeder Blick auf sie enthält die Frage, wer bleiben darf und wer schon die nächste Flucht vorbereiten muss.

Joan will Nähe, Ravic fürchtet ihre Folgen

In Arc de Triomphe beginnt die erste Begegnung mit Joan Madou ohne romantische Gewissheit. Ravic sieht eine erschöpfte Frau, hilft ihr und möchte sich möglichst bald wieder entziehen. Er hält seine Erfahrung mit anderen Menschen für ein zuverlässiges Instrument und ordnet sie vorschnell ein. Arc de Triomphe zeigt damit früh eine Grenze seines sonst so scharfen Blicks: Wer sich vor Bindung schützt, verwechselt Distanz leicht mit Menschenkenntnis.

Aus der zufälligen Hilfe entwickelt sich eine Beziehung, die beiden mehr bedeutet, als ihre anfänglichen Gesten vermuten lassen. Für Ravic öffnet Joan einen Zugang zu Empfindungen, die er nach Verfolgung und Verlust abgewehrt hat. Sie wiederum sucht eine Gegenwart, in der sie sich begehrt und gehalten fühlt. Ihre Erwartungen an Dauer, Verfügbarkeit und gemeinsame Zukunft stimmen jedoch nicht selbstverständlich überein. Die Liebe beseitigt diese Differenzen nicht.

Die Cafés und der Alkohol verbinden den Roman äußerlich mit Fiesta von Ernest Hemingway. In beiden Büchern begleiten Verletzungen die scheinbare Beweglichkeit erwachsener Menschen. Bei Ravic besitzt das Provisorium zusätzlich eine konkrete rechtliche Ursache. Er kann Joan nicht einfach ein gewöhnliches gemeinsames Leben anbieten, selbst wenn er seine Vorbehalte überwände. Seine Unsicherheit ist deshalb weder ausschließlich Charakterfehler noch vollständig durch politische Umstände erklärt.

Joan ist kein Heilmittel für seine Vergangenheit. Ihre eigenen Wünsche passen nicht immer in die Rolle, die Ravic ihr zugestehen möchte. Allerdings bleibt ihre Innenwelt deutlich stärker durch seinen Blick vermittelt als umgekehrt. Das begrenzt die Liebesgeschichte dort, wo weibliche Widersprüchlichkeit zum Rätsel des männlichen Helden wird. Gerade mit dieser Einschränkung lässt sich Arc de Triomphe genauer lesen: als intensive Darstellung einer Bindung, deren Tragik aus äußeren Gefahren, ungleichen Bedürfnissen und gegenseitigen Fehlurteilen zugleich entsteht.

Illustration Arc de Triomphe : Ein ernster Mann in einem schweren Trenchcoat steht nachts neben dem beleuchteten Arc de Triomphe, während Oldtimer und Fußgänger den Platz überqueren.

Arc de Triomphe macht Rache zur schwierigen Befreiung

Als Ravic Haake in Paris wiedererkennt, erhält seine Vergangenheit ein gegenwärtiges Gesicht. Der Gestapoagent steht für die Folter, die er selbst erlitten hat, und für den Tod seiner früheren Geliebten Sybil. Die Begegnung durchbricht den Abstand zwischen Flucht und Verfolgung. Was wie ein neues Leben in einer anderen Stadt aussah, erweist sich als jederzeit durchlässig für den alten Terror.

Ravic plant die Tötung seines Peinigers. Der Vorgang besitzt etwas von einer Operation: beobachten, eine Gelegenheit schaffen, handeln und Spuren beseitigen. Diese Ähnlichkeit macht ihn nicht automatisch gerecht. Sie zeigt vielmehr, wie Fähigkeiten, die sonst Leben erhalten, in den Dienst einer tödlichen Entscheidung treten. Arc de Triomphe verlangt, Ravics Motive zu verstehen, ohne deshalb jede ethische Frage für erledigt zu erklären.

Der Vergleich mit Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas schärft den Unterschied zwischen Rachefantasie und politischer Ohnmacht. Edmond Dantès gewinnt Mittel, mit denen er die Lebenswege seiner Gegner umfassend lenken kann. Ravic verfügt über eine begrenzte Gelegenheit gegen einen einzelnen Täter. Er zerstört damit weder die Gestapo noch die Bedingungen, die weitere Verfolgung ermöglichen. Persönliche Handlungsmacht und gesellschaftliche Befreiung bleiben verschieden groß.

Arc de Triomphe schildert nach der Tat tatsächlich eine innere Lösung. Ravic kann Sybil wieder anders erinnern, als ausschließlich im erstarrten Bild ihrer Qual. Diese Entlastung ersetzt keine öffentliche Gerechtigkeit. Genau darin liegt die Spannung der Passage: Die erzählte Befreiung ist psychisch nachvollziehbar, politisch unzureichend und moralisch unbequem. Arc de Triomphe riskiert hier die Verherrlichung des entschlossenen Einzelnen. Seine größere Tragik bewahrt jedoch sichtbar die Grenzen dieser Entscheidung, denn Haakes Tod hält den kommenden Krieg nicht auf und schützt Joan ebenso wenig.

Helfen heißt auch, die eigene Ohnmacht auszuhalten

Ravic behandelt Körper, deren Verletzlichkeit sich nicht nach Nationalität oder Aufenthaltsstatus richtet. Im Operationssaal verlieren gesellschaftliche Rangunterschiede ihre scheinbare Selbstverständlichkeit. Gewebe, Blut und Schmerz verlangen Aufmerksamkeit, die sich nicht durch große Worte ersetzen lässt. Arc de Triomphe gewinnt aus dieser Arbeit eine Vorstellung von Menschlichkeit, die zuerst praktisch ist: Jemand erkennt eine Notlage und tut, was seine Fähigkeiten ermöglichen.

Diese Haltung macht den Chirurgen nicht zu einem unerschöpflichen Helfer. Er ist müde, trinkt, reagiert ungeduldig und versucht Begegnungen abzukürzen, wenn sie ihn beanspruchen. Gerade der Romananfang legt das offen. Seine Hilfe entsteht nicht immer aus warmer Zuneigung, sondern manchmal aus einem Rest beruflicher oder menschlicher Gewohnheit. Ein solcher Rest kann für einen anderen Menschen trotzdem entscheidend sein.

Können bedeutet nicht, jeden Verlust verhindern zu können. Der Tod Sybils verfolgt Ravic auch als Erfahrung, nicht geholfen zu haben. Joans spätere Verletzung führt dieselbe Grenze unter anderen Umständen wieder herbei. Hier versagt nicht bloß ein bestimmtes Instrument oder eine einzelne Entscheidung. Die Vorstellung, Liebe und fachliche Meisterschaft müssten gemeinsam Rettung garantieren, trifft auf die Unumkehrbarkeit körperlicher Zerstörung. Der Roman lässt daraus keine tröstliche Formel entstehen.

Für die Lektüre von Arc de Triomphe ist diese Grenze ebenso wichtig wie die politische Anklage. Ravic kann Verantwortung übernehmen, ohne die Folgen vollständig zu beherrschen. Er kann einen Menschen ernst nehmen, obwohl er dessen Geschichte zunächst falsch verstanden hat. Und er kann weiterleben, ohne seine früheren Niederlagen nachträglich in Erfolge umzudeuten.

Die medizinische Perspektive erdet damit die pathetischen Passagen des Buches. Sie erinnert daran, dass Mitmenschlichkeit weder Unverwundbarkeit noch moralische Reinheit voraussetzt, sondern die Bereitschaft, sich einer konkreten Situation trotz begrenzter Kräfte auszusetzen.

Arc de Triomphe stellt Heimatlose unter den Triumphbogen

Der Titel lenkt den Blick auf ein Monument, das nationale Größe und militärische Erinnerung öffentlich sichtbar macht. Ravics Leben verläuft dagegen überwiegend in Räumen ohne repräsentativen Glanz. Zimmer, Flure, Kneipen und Operationssäle bilden seine tatsächliche Topografie. Diese Gegenüberstellung gibt Arc de Triomphe seine räumliche Ironie: Im Schatten einer dauerhaften steinernen Selbstbehauptung bewegen sich Menschen, deren Existenz keinen anerkannten Platz besitzt.

Schon beim frühen Gang mit Joan erscheint der Bogen als dunkle Masse vor dem Himmel. Er beendet ihre Orientierungslosigkeit nicht und beantwortet keine ihrer praktischen Fragen. Die beiden müssen weiterhin eine offene Tür finden. Das Monument ist dadurch nicht einfach ein plakativer Gegenstand der Ablehnung. Seine Größe bleibt wirksam, während der Roman zugleich zeigt, wie wenig eine solche Größe den einzelnen Verlorenen trägt.

Die Zeitstruktur verschärft diese Spannung. Die Handlung reicht von den letzten Monaten des Jahres 1938 bis zum Kriegsbeginn 1939. Für die Figuren bleibt die Zukunft ungewiss, während Leser den historischen Zusammenbruch bereits kennen. Jeder Aufschub besitzt ein unsichtbares Ablaufdatum. Ein Abend, der eine kleine Entlastung bringt, kann deshalb zugleich kostbar und bedrückend wirken. Die Gegenwart erscheint nicht leer, sondern gefährlich begrenzt.

Innerhalb der deutschen Literatur verbindet Arc de Triomphe so die Erfahrung des Exils mit einer zugänglichen, stark emotionalen Erzählform. Der französische Schauplatz bedeutet keinen Wechsel der literarischen Herkunft. Er macht vielmehr sichtbar, wie deutsche Verfolgung das Leben jenseits der Landesgrenzen bestimmt. Der Triumphbogen steht am Ende weniger für einen eindeutigen Kommentar als für eine störende Größenrelation. Staaten errichten Zeichen ihres Fortbestehens, während einzelne Menschen um ein Zimmer, einen Pass, einen geliebten Körper und einen weiteren Tag ringen müssen.

Zitat aus Arc de Triomphe von Erich Maria Remarque

Kurze Textstellen aus Arc de Triomphe

Die folgenden kurzen Passagen stammen aus dem ersten Kapitel. Sie zeigen den Ton der ersten Begegnung mit Joan. Ihre Bedeutung entsteht aus der Situation, nicht aus dem Anspruch, allgemeine Lebensweisheiten zu liefern.

  1. »Ich halte Sie schon.« Ravic stützt die erschöpfte Frau beim Gehen. Die Zusicherung beschreibt zunächst eine körperliche Hilfe, kein Versprechen dauerhafter Bindung. Gerade diese begrenzte Verlässlichkeit eröffnet aber einen Kontakt, den er gedanklich schon wieder beenden möchte. Handlung und erklärte Absicht stimmen bei ihm nicht vollständig überein.
  2. »Es hilft nicht viel«. Die Passage gehört zu seiner Bemerkung über den angebotenen Schnaps. Er verschweigt die begrenzte Wirkung nicht, bietet ihn aber trotzdem an. Darin erscheint eine kleine, ambivalente Form des Trostes. Wärme kann den Augenblick verändern, obwohl die eigentliche Ursache des Leidens bestehen bleibt.
  3. »Die Nacht übertreibt.« Mit dieser Bemerkung versucht Ravic, die Lage der Fremden einzuordnen. Seine Erfahrung wird zum vorschnellen Urteil. Er glaubt, eine bekannte nächtliche Verzweiflung zu erkennen, und weiß noch zu wenig über ihren konkreten Anlass. Der Satz charakterisiert daher ebenso den Sprecher wie die Situation.
  4. »Nein. Niemand.« Joan antwortet auf die Frage nach einer Person, bei der sie unterkommen könnte. Die Kürze unterbricht Ravics Suche nach einer einfachen Lösung. Sie erklärt ihre Geschichte noch nicht, macht aber ihre momentane Isolation hörbar. Das Gespräch wird dadurch schwerer abzukürzen, als er gehofft hatte.
  5. »Irgendwohin müssen Sie doch«. Ravics Ungeduld steckt bereits in dieser kurzen Aufforderung. Ein notwendiger nächster Schritt ist noch kein erreichbares Ziel. Arc de Triomphe führt so seine größere Erfahrung von Haltlosigkeit im alltäglichen Dialog vor. Sprache fordert eine Lösung, während die angesprochene Person gerade keine besitzt.

Wissenswertes zu Veröffentlichung, Paris und Verfilmung

  1. Der Roman erschien 1945 zunächst auf Englisch als Arch of Triumph. Die erste deutschsprachige Buchausgabe folgte 1946 bei F. G. Micha in Zürich. Der französische Titel Arc de Triomphe ist somit auch für den deutschen Text korrekt. Seine Form macht das Buch nicht zu einer Übersetzung aus dem Französischen, sondern bewahrt die Benennung des zentralen Pariser Monuments. 🌐 Quelle
  2. Vor der amerikanischen Buchausgabe stand ein Fortsetzungsdruck in Collier’s. Er lief vom 15. September bis zum 20. Oktober 1945. Die Veröffentlichungsgeschichte lässt sich damit genauer bestimmen als durch die bloße Jahreszahl. Zeitschriftenleser begegneten dem Stoff bereits vor dessen Erscheinen als geschlossenem Buch im amerikanischen Verlag.
  3. Das Friedenszentrum grenzt die erzählte Zeit auf November 1938 bis September 1939 ein. Für das literarische Paris ist diese Datierung entscheidend: Die Stadt erscheint als Zuflucht unmittelbar vor dem Krieg. Als eigene Vergleichslektüre bietet sich In einem freien Land von V. S. Naipaul an. Beide Werke fragen unter verschiedenen historischen Bedingungen nach unsicherer Zugehörigkeit.
  4. Lewis Milestone verfilmte den Stoff 1948 mit Ingrid Bergman, Charles Boyer und Charles Laughton. Das American Film Institute dokumentiert diese Besetzung und den Kinostart im März. Roman und Film sind getrennte Fassungen. Dialoge oder Handlungslösungen der Adaption sollten deshalb nicht ungeprüft dem literarischen Text zugeschrieben werden. 🌐 Catalog.afi.com
  5. Die 2017 erschienene KiWi-Ausgabe wurde von Thomas F. Schneider herausgegeben. Sie bietet die Fassung der Erstausgabe mit Anhang und Nachwort. Diese Editionsangabe hilft beim Vergleich verschiedener Drucke. Seitenzahlen und einzelne Textstellen sollten stets auf eine konkrete Ausgabe bezogen werden, statt alle Veröffentlichungen stillschweigend gleichzusetzen. 🌐 Kiwi Verlag

Der Schreibstil verbindet Lakonie mit großer Geste

Der Schreibstil von Arc de Triomphe lebt von einem Wechsel der Temperatur. Kurze Fragen, knappe Antworten und beiläufige Beobachtungen können eine Szene zunächst fast unterkühlt erscheinen lassen. Dann weitet sich der Blick auf Erinnerung, Verlust oder die Bedrohung einer ganzen Epoche. Die erzählerische Bewegung führt vom Glas auf dem Tisch zu einer Erfahrung, die weit über diesen Tisch hinausreicht.

Besonders wirksam sind die Dialoge dort, wo eine praktische Frage mehr verrät als eine Erklärung. Ravic möchte wissen, wohin Joan geht, und erfährt dadurch, dass sie keinen gangbaren nächsten Schritt hat. Seine vermeintliche Sachlichkeit zeigt Ungeduld, ihre Kürze zeigt Erschöpfung. Die Figuren müssen ihre Gefühle nicht vollständig aussprechen, damit die Machtverhältnisse des Gesprächs erkennbar werden. Häufig verändert gerade eine ausweichende Antwort dessen Richtung.

Remarque arbeitet zugleich mit stark aufgeladenen Bildern. Nacht, Regen, Alkohol und die Stadtlichter können Gefühle verdichten, bevor die Handlung sie ausdrücklich benennt. Die Atmosphäre trägt einen Teil der Argumentation. Sie macht das Provisorium sinnlich erfahrbar und erklärt mit, weshalb kurze Stunden der Nähe so viel Gewicht erhalten. Wo diese Bilder sehr dicht aufeinanderfolgen, kann die Wirkung allerdings ins Melodramatische kippen und den Figuren eine bereits fertige Bedeutung überstülpen.

Diese Grenze gehört zur Eigenart von Arc de Triomphe. Wer ausschließlich sprachliche Zurückhaltung sucht, wird manche Sentenz als zu abgeschlossen empfinden. Wer auf die Spannung zwischen Alltagsgespräch und großer emotionaler Geste achtet, findet dagegen eine Erzählweise, die politische Erfahrung einem breiten Leserkreis zugänglich macht. Ihre Stärke liegt nicht in dauernder Subtilität, sondern in der Verbindung konkreter Handlungen mit spürbarem historischem Druck. Die besten Passagen lassen beides nebeneinander stehen, ohne das kleine Geschehen durch die große Aussage zu verdrängen.

Warum Arc de Triomphe noch immer herausfordert

Die stärkste Aktualität des Romans liegt in seiner präzisen Beschreibung ungleicher Sicherheit. Ravic ist für andere nützlich, ohne selbst gesichert zu sein. Seine Arbeit wird gebraucht, sein Aufenthalt bleibt bedroht. Diese Konstellation lässt sich verstehen, ohne die historischen Bedingungen des nationalsozialistischen Terrors mit beliebigen heutigen Konflikten gleichzusetzen. Das Buch fordert Aufmerksamkeit für den Abstand zwischen gesellschaftlichem Nutzen und anerkannten Rechten.

Ebenso lesenswert ist seine Skepsis gegenüber der Vorstellung eines unbelasteten Neuanfangs. Ravic kann eine Grenze überschreiten, aber die Erinnerung nicht einfach zurücklassen. Ein bekanntes Gesicht genügt, um seine Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Arc de Triomphe zeigt damit eine Erfahrung von Flucht, die weder beim Ankommen endet noch vollständig durch dankbare Anpassung bewältigt werden kann. Schutz müsste mehr ermöglichen als bloßes vorläufiges Überleben.

Die Liebesgeschichte verlangt allerdings eine kritische Lektüre. Ravics Perspektive besitzt mehr Raum und Deutungsmacht als Joans eigene Stimme. Auch die innere Befreiung durch Rache ist keine neutrale oder selbstverständliche Lösung. Mitgefühl verpflichtet nicht zur Zustimmung. Gerade wer den Helden versteht, kann seine Entscheidungen und die erzählerische Gewichtung seiner Bedürfnisse befragen. Das macht die Lektüre ergiebiger, als ihn entweder zum moralischen Vorbild oder zum bloßen Zyniker zu erklären.

Arc de Triomphe eignet sich besonders für Leser, die politische Geschichte in persönlichen Beziehungen erfahren möchten. Die Handlung bietet Spannung und emotionale Intensität, verlangt aber Geduld für wiederkehrende Gespräche über Liebe, Erinnerung und Verlust. Ihre Kraft entsteht aus einem Widerspruch, der nicht bequem aufgelöst wird: Kleine menschliche Handlungen zählen unbedingt, obwohl sie große politische Gewalt nicht verhindern. Das Buch hält an dieser begrenzten Wirksamkeit fest und macht daraus weder ein Erfolgsversprechen noch einen Grund, jede weitere Hilfe aufzugeben.

Zusammenfassung: Ravics Leben zwischen zwei Verlusten

Der deutsche Chirurg Ravic lebt ohne gültige Papiere im Paris der Vorkriegszeit. Nach nationalsozialistischer Verfolgung hat er in Frankreich Zuflucht gesucht, muss aber im Verborgenen arbeiten. Andere Ärzte nutzen sein Können und seine unsichere Lage. Das Hotel Verdun bietet ihm eine Unterkunft unter Menschen, die ebenfalls durch Flucht und Vertreibung aus ihren bisherigen Lebenszusammenhängen gerissen wurden.

Nachts begegnet er Joan Madou, deren Verzweiflung er zunächst nur unzureichend versteht. Er hilft ihr, obwohl er Distanz halten möchte, und verliebt sich später in sie. Die Beziehung eröffnet ihm eine neue emotionale Gegenwart, bleibt jedoch von ungleichen Erwartungen geprägt. Ravics rechtlicher Status erschwert ein gemeinsames Leben zusätzlich. Seine Abwehr, Joans Bedürfnisse und die äußeren Umstände greifen ineinander, statt sich sauber voneinander trennen zu lassen.

In Arc de Triomphe erhält die Vergangenheit durch Haake eine konkrete Gestalt. Ravic erkennt den Gestapoagenten wieder, der ihn gequält und den Tod seiner früheren Geliebten Sybil verursacht hat. Er bereitet seine Rache vor, tötet ihn und beseitigt die Spuren. Die Tat verändert sein Verhältnis zur Erinnerung, schafft aber keinen sicheren neuen Lebensraum. Währenddessen bleibt auch seine Verbindung zu Joan gefährdet und wird durch Trennungen und andere Beziehungen belastet.

Ein eifersüchtiger Liebhaber verletzt Joan schließlich tödlich. Ravic kann sie nicht retten und begleitet ihr Sterben. Sein Beruf hebt die Endgültigkeit des Verlusts nicht auf. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verschärft sich zugleich die Lage der Emigranten. Ravic lässt sich in ein französisches Internierungslager bringen, ohne dass der Roman daraus ein einfaches Ende aller Hoffnung macht. Arc de Triomphe schließt mit einem Menschen, der Liebe und Hass durchlebt hat und vor einer Zukunft steht, deren Gefahren er kennt, deren Verlauf er aber weiterhin nicht beherrschen kann.

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