Der Butt: Wer kocht, wer herrscht, wer erzählt?
Der Butt beginnt beim Essen und nimmt von dort aus die Weltgeschichte auseinander. Ein sprechender Fisch berät die Männer, Frauen sichern das Überleben, und ein Erzähler behauptet, überall selbst dabei gewesen zu sein. Seine Auskunft steht unter Verdacht. Denn wer eine ganze Vergangenheit erklären kann, besitzt auch die Möglichkeit, die eigene Verantwortung darin geschickt zu verteilen.
Günter Grass entwirft Der Butt als satirischen Geschichtsroman mit fantastischen und märchenhaften Elementen des magischen Realismus. Die Handlung verbindet eine gegenwärtige Beziehung mit einer weit ausgreifenden Geschichte der Geschlechter. Ihr räumlicher Schwerpunkt liegt an der Weichselmündung und in der Danziger Bucht. Der Erzähler bewegt sich durch verschiedene Epochen, ohne an eine gewöhnliche menschliche Lebensdauer gebunden zu sein.
Diese Unmöglichkeit ist kein beiläufiger Schmuck. Sie erlaubt es, wiederkehrende Herrschaftsformen durch dieselbe männliche Stimme miteinander zu verbinden. Der Erzähler kann sich als Beteiligter, Liebhaber und Zeuge darstellen. Zugleich entzieht seine zeitliche Beweglichkeit ihn den Grenzen einer überprüfbaren Biografie. Das Werk schafft so einen Sprecher, der außergewöhnlich viel zu wissen behauptet und gerade deshalb besonders genau gelesen werden muss.
Die neun großen Teile entsprechen den Monaten von Ilsebills Schwangerschaft. Neben der langen historischen Zeit steht damit eine körperliche Dauer, die sich nicht beliebig beschleunigen lässt. Eine Geburt folgt keinem politischen Siegeskalender. Die Form setzt dem Wechsel von Macht und Gewalt einen anderen Verlauf entgegen. Zukunft entsteht auch dort, wo Menschen ernähren, austragen und versorgen.
Ilsebill ist dabei keine moderne Erzählerin, die gleichberechtigt einen eigenen Gesamtbericht liefert. Die Gegenwartsbeziehung wird wesentlich durch das männliche Ich vermittelt. Diese Unterscheidung ist entscheidend, weil der Roman weibliche Leistungen würdigt und ihre Darstellung dennoch vielfach in männlicher Hand belässt. Das Buch bietet daher keine einfache Übersicht darüber, wie Frauen und Männer schon immer gewesen seien. Er führt eine groß angelegte, streitbare Konstruktion vor.

Die Küche bewahrt, was Siegesgeschichten übersehen
Was bleibt von einer Epoche, wenn man sie nach ihren Mahlzeiten befragt? Andere Fertigkeiten treten hervor als bei einer Abfolge von Herrschern und Schlachten. Vorräte müssen angelegt, Pflanzen verarbeitet und knappe Mittel eingeteilt werden. In Der Butt erhält diese alltägliche Arbeit ein Gewicht, das ihr in triumphalen Geschichtsbildern häufig fehlt.
Die Köchinnen stehen für Wissen, das praktisch wirksam wird. Es lässt Menschen überleben und wird über wiederholte Handgriffe weitergegeben. Ein Gericht enthält deshalb mehr als Geschmack. Es verweist auf verfügbare Ressourcen, überlieferte Erfahrung und die Verteilung von Arbeit. Ohne Versorgung gibt es keine große Geschichte. Der Roman verschiebt den Blick von öffentlich beanspruchtem Ruhm auf Tätigkeiten, deren Erfolg oft gerade darin besteht, dass keine Katastrophe eintritt.
Damit berührt Der Butt eine Frage, die auch Billard um halb zehn von Heinrich Böll beschäftigt: Welche Leistungen erinnert eine Gesellschaft, und welche Gewalttaten tarnt sie als ehrenvolle Tradition? Dort werden Bauen, Zerstören und familiäre Überlieferung gegeneinander gestellt. Hier dienen Ernährung und Küchengeschichte als Gegengewicht zu männlich dominierter Politik. Die Verfahren unterscheiden sich, doch beide Romane misstrauen einer Vergangenheit, die nur ihre anerkannten Repräsentanten zu Wort kommen lässt.
Die Aufwertung der Küche bleibt ambivalent. Wenn Frauen vor allem als Ernährerinnen erscheinen, kann ihre Würdigung zugleich eine Festlegung enthalten. Aus einer historisch zugewiesenen Arbeit wird dann scheinbar eine natürliche Bestimmung. Eine kritische Lektüre muss beide Bewegungen beachten. Die Anerkennung übersehener Fähigkeiten ist wertvoll, rechtfertigt aber keine dauerhafte Bindung an dieselben Aufgaben.
Gerade diese Spannung macht die kulinarischen Passagen ergiebig. Sie lassen sich sinnlich genießen und zugleich danach befragen, ob der Erzähler die Arbeit der Frauen anerkennt oder sich in ihrer fortdauernden Verfügbarkeit bequem einrichtet.
Der Butt sitzt vor Gericht und redet weiter
Der sprechende Fisch stammt aus dem Märchenstoff vom Fischer und seiner Frau. Im Roman erhält er eine veränderte Funktion. Er unterstützt über lange Zeit männliche Machtansprüche und steht schließlich vor einem feministischen Tribunal. Die Anklage macht aus dem wundersamen Helfer einen Beteiligten, dessen Ratschläge Folgen hatten.
Der Butt nutzt das Gericht als Ort konkurrierender Erklärungen. Der Fisch kann sein Wissen anbieten, sich rechtfertigen und die Darstellung der Vergangenheit beeinflussen. Sein Reden beendet die Anklage nicht. Es gehört vielmehr zu der Frage, ob jemand, der bisher den Mächtigen diente, seine Autorität durch einen Wechsel des Publikums bewahren kann. Ein Berater bleibt nicht außerhalb seiner Folgen.
Als Kontrast bietet sich Der Prozess von Franz Kafka an. Dort bleibt der Gegenstand der Anklage für den Betroffenen unzugänglich. Hier werden historische Verantwortung und patriarchale Ordnung ausdrücklich zum Gegenstand des Verfahrens. Gemeinsam ist beiden Romanen das Interesse daran, wie Gerichte Wirklichkeit durch Sprache herstellen. Die groteske Form verhindert allerdings in beiden Fällen, dass ein Verfahren einfach als transparenter Weg zur Wahrheit erscheint.
Der Roman legt keine abschließende Musterlösung für gerechte Geschlechterverhältnisse vor. Der Butt ist weder ein neutraler Historiker noch die einzige Ursache allen Unheils. Männer haben seine Angebote angenommen und ihre eigenen Interessen verfolgt. Wer die gesamte Verantwortung auf den Fisch ablädt, wiederholt daher eine bequeme Entlastung.
Der Butt wird besonders interessant, wenn die Anklage auf die Bedingungen des Erzählens selbst zurückwirkt. Der Leser hört dann nicht nur, welche Vergangenheit vorgetragen wird. Er prüft auch, wem eine bestimmte Version nützt und weshalb eine schlagfertige Erklärung noch keine überzeugende Rechtfertigung ist. Die Komik des Verfahrens braucht diese Unterscheidung, damit sie die behandelten Verletzungen nicht einfach in Unterhaltung auflöst.

Die Würdigung der Frauen bleibt ein Streitfall
Der Roman rückt weibliche Arbeit ins Zentrum und führt männliche Fortschrittsfantasien als zerstörerisch vor. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine durchgehend emanzipatorische Darstellung. Figuren können aufgewertet werden und trotzdem in einem engen Bild verbleiben. Der Butt macht diesen Widerspruch besonders dort sichtbar, wo Ernährung, Körper und Weiblichkeit beinahe selbstverständlich zusammengehören sollen.
Auch Lob kann eine Rolle festschreiben. Wenn Frauen vor allem das Leben erhalten und Männer Geschichte ruinieren, entsteht eine auffällige Umkehrung gewohnter Wertungen. Die Zweiteilung selbst bleibt jedoch bestehen. Unterschiedliche Frauen mit unterschiedlichen Interessen drohen hinter einer großen Gegenfigur zur Männerwelt zu verschwinden. Das ist eine Grenze, die sich nicht allein mit dem satirischen Charakter des Romans erklären lässt.
Ein Vergleich mit Corpus Delicti von Juli Zeh kann diese Frage präzisieren. Dort wird ein Körper zum Gegenstand politischer Erwartungen und normierter Lebensführung. Hier arbeitet die Geschichtsfantasie mit umfassenden Vorstellungen davon, welche Aufgaben Körper und Geschlechter angeblich bestimmen. Die Romane behaupten keine identischen Verhältnisse. Sie geben jedoch Anlass zu fragen, wann die öffentliche Deutung eines Menschen dessen eigene Möglichkeiten zu stark begrenzt.
Auch die Darstellung feministischer Positionen verlangt Aufmerksamkeit. Eine überzeichnete Anklage kann berechtigte Forderungen schärfer sichtbar machen, sie aber ebenso als lästig oder weltfremd erscheinen lassen. Der Butt bewegt sich in dieser Unsicherheit. Man muss den Roman weder pauschal als Befreiungserzählung feiern noch seine ganze literarische Arbeit auf eine einzige problematische Haltung reduzieren.
Produktiver ist die genaue Frage, wer gerade sprechen darf, wer zur Karikatur wird und wessen Erfahrung die Erzählung ausführlich ernst nimmt. Aus dieser Prüfung entsteht eine Kritik, die dem einzelnen Text näherkommt als ein vorab vergebenes politisches Gütesiegel.
Ein allgegenwärtiges Ich kann sich hinter seiner Fülle verstecken
Der Erzähler verfügt über eine nahezu unerschöpfliche Bereitschaft, Beziehungen zwischen Zeiten, Körpern und Gerichten herzustellen. Seine Rede erzeugt Zusammenhänge, die eine nüchterne Chronik nicht bieten könnte. Doch die Fülle vergrößert auch seine Macht. Wer alles miteinander verbindet, entscheidet darüber, welche Unterschiede bestehen bleiben und welche unter einer großen Erzählung verschwinden.
In Der Butt ist diese Macht selbst Teil des Problems. Der Mann kann eigenes Begehren als historische Kraft darstellen und private Konflikte in Jahrtausende ausdehnen. Das verleiht ihnen Größe, kann aber eine konkrete Partnerin übergehen. Ein großer Zusammenhang erklärt nicht jeden Menschen. Ilsebill muss deshalb auch als Gegenüber gelesen werden, das sich nicht vollständig in der historischen Fantasie des Ichs auflösen lässt.
Eine andere Verbindung von umfassender Versuchsanordnung und verletzlichem Einzelleben bietet Die Stadt der Blinden von José Saramago. Dort bedroht eine allgemeine Katastrophe die Fähigkeit, andere als Personen wahrzunehmen. Hier droht eher das übermächtige Erzählmodell, einzelne Erfahrungen seinem Deutungsanspruch unterzuordnen. Der Vergleich lenkt den Blick auf eine gemeinsame literarische Aufgabe: Eine große Idee muss sich daran prüfen lassen, ob Menschen in ihr noch mehr als Belege bleiben.
Der Butt fordert damit auch die eigene Leselust heraus. Die sprachliche Energie kann mitreißen, obwohl man der dargestellten Ordnung widerspricht. Das ist keine Schwäche des Lesers. Es gehört zur Erfahrung eines Romans, dessen ästhetische Überzeugungskraft und argumentative Berechtigung nicht überall zusammenfallen. Gerade deshalb lohnt es sich, nach besonders glänzenden Passagen kurz innezuhalten.
Was wurde anschaulich, was lediglich behauptet? Welche Arbeit erhält endlich Aufmerksamkeit, und welche Stimme bleibt weiterhin vermittelt? Der Text wird genauer lesbar, sobald sein Reichtum nicht mit Unfehlbarkeit verwechselt wird und die Lust am Erzählen ihre eigenen blinden Stellen behalten darf.

Belegte Zitatstellen aus Der Butt
Die Auswahl konzentriert sich auf drei kurze, im Wortlaut nachweisbare Prosastellen des Romananfangs. Die bisher verbreiteten allgemeinen Lebensweisheiten werden nicht als Werkzitate übernommen. Die Erläuterungen unterscheiden zwischen der Behauptung des Erzählers und einer Aussage, die der Roman selbst verlässlich bestätigen würde.
- „Ilsebill salzte nach.“ Die Eröffnung beginnt mit einer kleinen Veränderung an einer Mahlzeit. Jemand nimmt das Vorgefundene nicht unverändert hin, sondern greift nach eigenem Geschmack ein. Eine beiläufige Geste setzt einen eigenen Maßstab. Das muss nicht bereits eine vollständige politische Allegorie sein. Der Satz erhält seine Spannung gerade aus der Zurückhaltung. Er stellt eine handelnde Frau vor, bevor das männliche Ich seine weitreichenden historischen Erklärungen entfaltet. Das Alltägliche besitzt damit einen eigenen Anfang und braucht zunächst keine Rechtfertigung durch ein großes Ereignis.
- „Ich, das bin ich jederzeit“ erweitert die Person des Erzählers über gewöhnliche Lebenszeit hinaus. Die Formulierung begründet seine fantastische Beweglichkeit durch die Epochen. Sie ist zugleich ein Anspruch auf ununterbrochene Anwesenheit. Wer so spricht, kann fast jede Geschichte zu seiner eigenen machen. Leser sollten diese Freiheit deshalb auch als Grenze der Perspektive verstehen. Der Erzähler gewinnt Reichweite, ohne dadurch automatisch zuverlässiger zu werden. Gerade sein umfassendes Auftreten macht die Frage dringlich, welche Erfahrungen er nur aus zweiter Hand besitzen kann oder sich sprachlich aneignet.
- „Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen“ verbindet Ernährung und Fortpflanzung in einer konkreten zeitlichen Folge. Die Mahlzeit steht vor dem Anfang des neuen Lebens. Der Satz holt einen großen biologischen Vorgang in eine häusliche Situation zurück. Er zeigt außerdem, wie eng der Roman Körpergeschichte und Küchengeschichte verschränkt. Das Gericht bleibt sinnlich bestimmbar und verhindert, dass die Überlegung vollständig abstrakt wird. Zugleich eröffnet diese Verbindung die Frage, wer das Essen zubereitet hat und wie dessen Arbeit in der anschließenden Erzählung sichtbar bleibt.
Fünf Hintergründe zwischen Märchen, Berlin und Lesung
- Der Butt erschien 1977 bei Luchterhand in Darmstadt und Neuwied. Die Erstausgabe ist bibliografisch nachgewiesen und umfasst einen umfangreichen Roman, keine Sammlung unabhängiger Kochgeschichten. Spätere Taschenbuchdaten dürfen deshalb nicht mit dem Beginn der Werkgeschichte verwechselt werden. Schon der ursprüngliche Erscheinungszusammenhang verweist auf die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der siebziger Jahre. 🌐 Erstausgabe im Internet Archive
- Das Märchen Vom Fischer und seiner Frau liefert den Ausgangspunkt. Der Roman verändert allerdings die Verteilung des unersättlichen Machtstrebens und macht den Fisch zum Berater der Männer. Die Vorlage wird gegen ihre Rollenordnung gelesen. Der Zusammenhang ist deshalb mehr als eine dekorative Anspielung; er betrifft die Frage, wem Wünsche und deren verhängnisvolle Folgen zugerechnet werden. 🌐 dtv
- Das Frauentribunal ist im Berlin des Jahres 1974 angesiedelt. Damit besitzt die fantastische Geschichtserzählung einen ausdrücklich zeitgenössischen Verhandlungsort. Der interne Verweis auf Berlin als literarischen Ort knüpft an diese Handlungsebene an. Die Stadt bildet einen Raum politischer Auseinandersetzung, während die historischen Erzählungen überwiegend in die Danziger Region zurückführen. 🌐 Steidl
- Der Anfangssatz gewann 2007 den Wettbewerb um den schönsten ersten Satz. Veranstalter waren die Initiative Deutsche Sprache und die Stiftung Lesen. Bewertet wurden dabei auch die Begründungen der Einsendenden. Die Auszeichnung zeigt eine besondere Rezeptionsgeschichte der Eröffnung, ist aber selbstverständlich kein Beweis dafür, dass jeder Leser den gesamten Roman gleichermaßen überzeugend finden muss.
- Die Aufnahme Da sagte der Butt verbindet eine Autorenlesung mit dem Instrumentalsolisten Günter Sommer. Steidl veröffentlichte sie 2007. Der Wechsel vom Lesen zum Hören macht Rhythmus und Stimme besonders auffällig. Als anders gelagerte Vergleichslektüre zur Macht erzählender Stimmen bietet sich Schall und Wahn von William Faulkner an. Diese Verbindung beschreibt ein formales Interesse und behauptet keinen historischen Einfluss.
Der Schreibstil lässt die Geschichte körperlich werden
Die Sprache arbeitet mit Listen, Wiederholungen, Gedichten und ausführlichen erzählerischen Passagen. Gerichte und Körper besitzen eine materielle Deutlichkeit, die politischen Begriffen häufig fehlt. In Der Butt wird Geschichte nicht nur erklärt. Sie wird gegessen, gerochen, begehrt und körperlich erlitten. Diese Sinnlichkeit gibt selbst weitreichenden Überlegungen einen greifbaren Gegenstand.
Die groteske Übertreibung verhindert einen durchgehend realistischen Ton. Der sprechende Fisch und der epochenübergreifende Erzähler machen deutlich, dass hier keine gewöhnliche historische Rekonstruktion vorliegt. Die Fantasie legt ein Deutungsmodell offen. Sie kann verborgene Zusammenhänge sichtbar machen, darf aber nicht als Beweis für deren historische Gültigkeit dienen. Gerade vorgeschichtliche Bilder müssen als Erfindungen lesbar bleiben.
Der Wechsel zwischen Prosa und lyrischen Formen unterbricht außerdem die Erwartung einer geradlinigen Handlung. Manche Passagen verweilen bei einem Motiv, andere springen zwischen Zeiten. Das kann produktiv sein, wenn vertraute Fortschrittserzählungen dadurch aus dem Takt geraten. Es kann ebenso ermüden, wenn die Fülle die Genauigkeit einzelner Unterscheidungen überlagert. Der Butt verlangt daher eine Bereitschaft zum langsamen Lesen, die seine sprachliche Energie nicht immer automatisch erzeugt.
Innerhalb der deutschen Literatur gehört der Roman zu den Werken, die Geschichtserzählung ausdrücklich als körperliche und perspektivische Arbeit vorführen. Seine Satire bleibt jedoch nicht von ihren eigenen Voraussetzungen befreit. Auch eine komisch überzeichnete Figur kann ein Klischee befestigen. Die stilistische Leistung besteht deshalb nicht darin, dass jeder Einwand bereits ironisch erledigt wäre.
Sie liegt in einer Form, die viele unterschiedliche Stoffe miteinander in Berührung bringt und dabei selbst angreifbar bleibt. Wer diese Angreifbarkeit mitliest, erkennt neben der sprachlichen Kraft auch die Stellen, an denen der Erzähler mehr behauptet, als seine Bilder tragen können.
Warum Der Butt Genuss und Widerspruch zugleich verlangt
Der Roman lohnt sich für Leser, die Geschichte auch dort suchen, wo ihre gewohnten Denkmäler fehlen. Ernährung, Vorratshaltung und tägliche Versorgung erhalten eine Aufmerksamkeit, die ihnen viele politische Erzählungen verweigern. Der Butt erinnert daran, dass Gesellschaften nicht allein durch Entscheidungen an der Spitze bestehen. Sie hängen von Arbeiten ab, deren Wiederholung oft als selbstverständlich gilt.
Ebenso anregend ist die Frage nach den Beratern der Macht. Wissen kann helfen, aber auch bestehende Interessen wirksamer machen. Wer seine Fähigkeiten jeweils den Einflussreichen anbietet, wird durch Klugheit noch nicht unabhängig. Sachkenntnis beantwortet keine Verantwortungsfrage. Der fantastische Fisch gibt dieser Spannung eine einprägsame Gestalt, ohne sie auf eine einzige historische Person oder Berufsgruppe festzulegen.
Die Lektüre fordert allerdings Widerspruchsfähigkeit. Man kann die Aufwertung weiblicher Arbeit begrüßen und die Bindung von Frauen an Ernährung und Mutterschaft problematisch finden. Man kann die Satire genießen und einzelne Darstellungen als unfair beurteilen. Der Butt wird nicht besser, wenn solche Einwände vorsorglich für humorlos erklärt werden. Seine Auseinandersetzung mit Macht sollte auch auf die Macht der eigenen Bilder angewendet werden.
Wer eine leicht zugängliche kulinarische Unterhaltung erwartet, wird daher vermutlich mit einer falschen Erwartung beginnen. Das Buch ist ausgreifend, streitlustig und stellenweise belastend. Seine körperliche Direktheit umfasst auch Gewalt und Erniedrigung, nicht bloß Genuss. Der mögliche Gewinn liegt in einer veränderten Aufmerksamkeit: Welche Tätigkeiten gelten als geschichtswürdig, und wer entscheidet darüber?
Diese Frage bleibt fruchtbar, auch wenn man die geschlechtlichen Grundmuster des Romans nicht übernimmt. Gerade eine Lektüre, die Zustimmung und Einwand nebeneinander bestehen lässt, kann seine literarische Energie nutzen, ohne sich von der Größe seiner historischen Behauptungen überwältigen zu lassen.
Zusammenfassung von Der Butt
Der Butt verbindet die Beziehung eines männlichen Ich-Erzählers zu Ilsebill mit einer fantastischen Geschichte der Geschlechter. Die Gegenwartshandlung folgt ihrer Schwangerschaft. Neun große Teile ordnen die Erzählung nach deren Monaten. Zugleich behauptet der Erzähler eine über gewöhnliche Lebenszeit hinausreichende Anwesenheit in unterschiedlichen historischen Epochen.
Im Mittelpunkt der historischen Rückblicke stehen die Weichselmündung und die Danziger Bucht. Verschiedene Köchinnen verkörpern Erfahrungen mit Ernährung, Arbeit und dem Erhalt des Lebens. Ihnen stehen männliche Unternehmungen gegenüber, die Macht und Fortschritt beanspruchen und häufig Gewalt hervorbringen. Der Roman organisiert diese Geschichte ausdrücklich als fantastische Konstruktion. Er liefert keine wissenschaftliche Rekonstruktion einer durchgehend gleichbleibenden Geschlechterordnung.
Der sprechende Butt wirkt als Berater männlicher Interessen. Seine Herkunft aus dem Märchen wird für eine veränderte Frage nach Ehrgeiz und Verantwortung genutzt. In der Gegenwart gerät er vor ein feministisches Tribunal in Berlin. Dort werden seine Rolle und die durch ihn unterstützte Ordnung verhandelt. Seine Erklärungen bilden wiederum einen Teil jener Geschichtserzählung, deren Berechtigung zur Diskussion steht.
Das private Verhältnis bleibt in der Weltgeschichte präsent. Während der Erzähler weit ausholt, entwickelt sich Ilsebills Schwangerschaft weiter. Die alltäglichen Anforderungen von Beziehung, Körper und Versorgung lassen sich durch seine historischen Erklärungen nicht einfach erledigen. Die Geburt eröffnet schließlich Zukunft, ohne die Konflikte der Eltern oder der erzählten Vergangenheit vollständig aufzulösen.
Der Butt endet damit bei einer Hoffnung, deren Voraussetzungen unsicher bleiben. Die Wiederholung alter Machtverhältnisse erscheint vermeidbar, aber ihr Ende ist nicht garantiert. Der Roman fordert eine andere Aufmerksamkeit für geschichtliche Leistungen und bleibt zugleich an seine männliche Perspektive gebunden. Sein eigentlicher Streit betrifft deshalb nicht nur die Frage, wer die Welt beherrscht hat, sondern ebenso, wer ihre Geschichte erzählen darf und welche Erfahrungen dabei als selbstverständlich vorausgesetzt werden.