Die Hexen von Eastwick und die gefährliche Freiheit

Eine Kleinstadt hört von einem neuen Bewohner, und schon beginnt die Erfindung seiner Person. In Die Hexen von Eastwick von John Updike wandert die Nachricht durch Gespräche, Mutmaßungen und erotische Erwartungen. Darryl Van Horne erscheint zuerst als Gerücht. Noch bevor er mit den drei Hauptfiguren zusammenkommt, zeigt der Roman, wie wenig Wahrnehmung und Wunsch voneinander getrennt sind. Eastwick besitzt bereits alle Voraussetzungen für seine spätere Verstrickung.

Alexandra Spofford, Jane Smart und Sukie Rougemont leben nach gescheiterten Ehen außerhalb der vorgesehenen häuslichen Ordnung. Sie verfügen über magische Kräfte und über unterschiedliche künstlerische oder gesellschaftliche Tätigkeiten. Ihre Fähigkeiten entstehen nicht erst durch die Ankunft des Mannes. Darryl verändert vielmehr das Zusammenspiel einer bereits bestehenden Gruppe, deren Nähe ebenso produktiv wie gefährlich werden kann.

Der 1984 erschienene Roman verbindet Gesellschaftssatire, phantastische Literatur und eine schwarze Komödie des Begehrens. Das Werk lassen sich deshalb nicht überzeugend als eindeutige Feier weiblicher Emanzipation lesen. Die Frauen gewinnen Handlungsmacht, setzen sie aber keineswegs ausschließlich gegen ungerechte Beschränkungen ein. Aus Freiheit kann die Bereitschaft werden, anderen die eigene Kränkung mit Gewalt zurückzugeben.

Das macht die Lektüre reizvoll und streitbar. Die Naturbeschreibungen und die genaue Wahrnehmung körperlicher Vorgänge besitzen beträchtliche sprachliche Energie. Gleichzeitig bleibt der Blick auf Weiblichkeit mit Vorstellungen von Fruchtbarkeit, Sexualität und zerstörerischer Naturmacht belastet. Die Hexen von Eastwick verlangen daher eine doppelte Aufmerksamkeit: für das, was die Figuren tatsächlich tun, und für die Bilder, durch die der Erzähler sie sichtbar macht.

Der entscheidende Konflikt beginnt dort, wo die Gruppe ihre eigene Nähe für unschuldig hält. Wer gemeinsam gegen gesellschaftliche Erwartungen handelt, steht dadurch noch nicht außerhalb von Eifersucht, Besitzansprüchen und Rücksichtslosigkeit. Diese unbequeme Einsicht trägt den Roman weiter als seine verführerische Hexenkomödie.

Illustration Die Hexen von Eastwick

Die Hexen von Eastwick in einer Stadt voller Gerüchte

Eastwick ist ein fiktiver Ort in Rhode Island, dessen gesellschaftliche Enge sich besonders in der Zirkulation von Nachrichten zeigt. Sukie sammelt beruflich Informationen, Jane reicht sie weiter, Alexandra verwandelt sie in Vorstellungen. Die Marschroute eines Gerüchts ist im Anfangsgespräch beinahe wichtiger als sein Wahrheitsgehalt. Die Hexen von Eastwick führen eine Gemeinschaft vor, die aus wenigen Einzelheiten ganze Personen entwirft.

Klatsch ist eine Form der Macht. Er entscheidet mit darüber, wer als begehrenswert, verdächtig oder lächerlich erscheint. Der neue Eigentümer eines großen Hauses braucht dafür zunächst kaum selbst zu handeln. Seine Herkunft, seine mutmaßlichen Lebensumstände und sein Besitz liefern Material, aus dem die Frauen eine Erwartung herstellen. Die Erzählung zeigt diesen Vorgang mit komischer Genauigkeit.

Zugleich bleibt der Ort materiell konkret. Straßen, Häuser, Geschäfte und Immobilienanzeigen bilden kein bloßes Dekor hinter den Beziehungen. Sie ordnen Nähe, Status und Bewegungsmöglichkeiten. Das Buch verbinden den gesellschaftlichen Blick mit wirtschaftlichen Zeichen: Ein großes Anwesen verspricht nicht nur Platz, sondern auch eine andere Art zu leben. Darryls Anziehung beginnt deshalb bereits in einer Vorstellung von verfügbarer Fülle.

Die Frauen durchschauen vieles an dieser Welt und sind trotzdem Teil ihrer Mechanismen. Ihre Unabhängigkeit verhindert keine vorschnellen Urteile. Gerade diese Beteiligung macht die Satire interessanter als eine einfache Gegenüberstellung von freien Außenseiterinnen und beschränkten Nachbarn. Die Grenze verläuft innerhalb der Wahrnehmung jeder Figur.

In 👉 Emma von Jane Austen beeinflussen gesellschaftliche Beobachtung und selbstbewusste Fehldeutung ebenfalls die Lebensmöglichkeiten anderer Menschen. Der Vergleich schärft den Unterschied: Dort muss die Hauptfigur ihren eigenen Blick korrigieren; hier können falsche Erwartungen mit übernatürlicher Macht zusammentreffen. Was zunächst als unterhaltsames Gespräch erscheint, erhält dadurch einen gefährlicheren Nachhall.

Körper, Küche und die Magie der Verwandlung

Die Magie tritt nicht als klar geregeltes System mit Lehrstunden und festem Zauberkatalog auf. Sie verbindet sich mit Körpern, Stimmung und alltäglichen Tätigkeiten. Schon die Küchenarbeit Alexandras lädt Gegenstände und Pflanzen mit ungewöhnlicher Bedeutung auf. Die Hexen von Eastwick machen das Übernatürliche dadurch zu einem Bestandteil des gewöhnlichen Lebens, statt es in eine getrennte Wunderwelt zu verlegen.

Besonders grotesk erscheint die Verkleinerung und Verwandlung der früheren Ehemänner. Was gesellschaftlich als Loslösung von einer Ehe beschrieben werden könnte, erhält buchstäbliche Formen. Die Metapher wird zum Gegenstand. Ein Mann kann auf einen Rest reduziert werden, der sich aufbewahren oder benutzen lässt. Der komische Effekt trägt zugleich eine Härte, die eine reine Befreiungslektüre unterschlagen würde.

Auch Alexandras Verhältnis zum eigenen Körper besitzt diese Doppelheit. Die Erzählung verbindet Appetit, Sexualität, Fruchtbarkeit und Selbstzweifel. Sie zeigt eine Frau, die sich nicht vollständig nach fremden Erwartungen formen möchte. Das Werk lässt jedoch offen, wie weit ihre körperliche Freiheit reicht, wenn dieselbe Darstellung sie ständig über Natur- und Fortpflanzungsbilder erklärt. Sinnlichkeit kann stärken und festlegen.

Hier liegt eine der anregenden Grenzen des Romans. Seine Bildsprache sprengt alltägliche Beschränkungen, kann aber neue Muster an ihre Stelle setzen. Die Hexe handelt selbst; zugleich erscheint sie als Verkörperung einer schwer kontrollierbaren weiblichen Natur. Diese Spannung muss man nicht durch ein abschließendes Etikett beseitigen. Sie lässt sich an den konkreten Verwandlungen verfolgen.

👉 Dona Flor und ihre zwei Ehemänner von Jorge Amado bietet eine andere Verbindung von Körperlichkeit, Alltag und übernatürlicher Beziehung. Beide Romane lassen Begehren die gewöhnliche Ordnung überschreiten. Doch hier tritt stärker die Frage hervor, wann eine lustvolle Verfügung über das eigene Leben in die Verfügbarkeit anderer Menschen umschlägt.

Darryl und das Versprechen grenzenloser Möglichkeiten

Darryl Van Horne wird zum Mittelpunkt einer Anziehung, die nicht allein auf seiner Person beruht. Sein Haus und die dort möglichen Zusammenkünfte geben den Frauen einen Raum, in dem gewöhnliche Grenzen vorübergehend außer Kraft scheinen. Der Roman untersucht damit eine Versuchung, die sich als Großzügigkeit präsentiert. Wer Zugang gewährt, kann zugleich bestimmen, wo die anderen ihre Freiheit suchen.

Der Vergleich mit 👉 Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde macht diesen Zusammenhang deutlicher. Beide Werke verwenden das Übernatürliche, um die Folgen einer Lebenshaltung sichtbar zu machen, die Genuss von Verantwortung trennen möchte. Darryls Versprechen gehört zu einer Welt, in der attraktive Möglichkeiten ihre Kosten zunächst verdecken.

Gastfreundschaft kann Abhängigkeit erzeugen. Die Frauen verfügen über eigene Kräfte, doch ihre gemeinsame Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend auf den Mann und seine Umgebung. Die räumliche Öffnung führt so zu einer Verengung des Interesses. Darryl muss nicht jede Entscheidung unmittelbar kontrollieren, um eine zentrale Stellung zu gewinnen. Es genügt, dass sein Entgegenkommen zum begehrten Bezugspunkt wird.

Seine teuflischen Züge passen zur schwarzen Komödie, erklären jedoch nicht alles. Wer ihn nur als übernatürlichen Verführer betrachtet, kann die Wünsche der anderen zu leicht übersehen. Die Hexen von Eastwick zeigen eine wechselseitige Dynamik: Das Angebot wirkt, weil es vorhandene Erwartungen trifft. Der Fremde füllt eine Lücke, deren Form die Frauen selbst mitbestimmen.

Problematisch ist dabei nicht schlicht das Vergnügen. Es ist der Übergang von gemeinsamem Genuss zum Anspruch auf die Person, die ihn ermöglicht. Begehren wird zur Besitzforderung. Sobald Darryl sich anders bindet, als die Gruppe erwartet, erhält ihre vermeintliche Offenheit eine empfindliche Grenze. Die spätere Gewalt wächst aus dieser Kränkbarkeit, nicht aus einem abstrakten Verbot der Lust.

Jenny zeigt, wem die Freiheit verweigert wird

Mit Jenny erhält die Gruppe eine Konkurrenz, die ihre Verbundenheit verändert. Darryls Verbindung mit der jüngeren Frau kränkt die Hexen und richtet ihre Macht gegen eine einzelne Person. Jenny erkrankt nach den gegen sie gerichteten magischen Handlungen an Krebs und stirbt. Die Hexen von Eastwick überschreiten hier endgültig die Grenze einer harmlosen Komödie über unkonventionelle Lebensweisen.

Die gemeinsame Kränkung ersetzt das gemeinsame Ideal. Die Frauen handeln miteinander, doch dieses Miteinander schützt nicht vor Grausamkeit. Es kann sie sogar bestärken. Wo jede die Empörung der anderen bestätigt, erscheint die eigene Entscheidung leichter gerechtfertigt. Der Roman zwingt damit zu einer Unterscheidung zwischen Solidarität und einer Gruppe, die ihre Ansprüche gegenseitig verstärkt.

Jennys Schicksal entlarvt besonders scharf die Vorstellung, weibliche Handlungsmacht müsse automatisch befreiend wirken. Die Hexen von Eastwick lassen diese Macht auf eine andere Frau treffen. Sie wird nicht zur Verbündeten, sondern zum Hindernis erklärt. Wer Freiheit beansprucht, kann sie anderen entziehen. Dieser Widerspruch sollte im Zentrum jeder Beurteilung der Figuren stehen.

Gleichzeitig bleibt die Darstellung selbst kritisierbar. Wenn Jenny vor allem als Opfer innerhalb der Geschichte der drei Frauen erscheint, kann ihr Tod zum Mittel ihrer moralischen Erfahrung werden. Der Roman macht die Gewalt sichtbar, gibt ihrem Gegenüber aber nicht dieselbe erzählerische Fülle. Hier genügt es nicht, die Ambivalenz der Hexen zu loben; auch die Verteilung der Aufmerksamkeit verdient Prüfung.

In 👉 Sie kam und blieb von Simone de Beauvoir wird die Freiheit eines anderen Menschen ebenfalls zum Konflikt in einer vermeintlich offenen Beziehung. Der Vergleich lenkt den Blick auf einen Anspruch, den beide Romane problematisieren: Andere sollen selbständig sein dürfen, solange ihre Selbständigkeit das eigene Begehren nicht durchkreuzt.

Zitat aus Die Hexen von Eastwick: Amerika lehrt seine Kinder, dass jede Leidenschaft in einen Anlass zum Kauf verwandelt werden kann.

Zitate aus der Welt der alltäglichen Hexerei

Die kurzen Stellen aus Die Hexen von Eastwick erscheinen in eigener deutscher Übersetzung nach dem englischen Original. Sie stammen aus dem zugänglichen Anfang von Kapitel I und zeigen die Verschränkung von Gespräch, Ordnung und Verwandlung.

  • „Ein Mann?“ Alexandra reagiert auf die Nachricht vom Käufer des großen Hauses. Die knappe Frage verrät, wie schnell eine Immobilienmeldung ihre innere Lage verändert. Noch bevor sie Einzelheiten kennt, richtet sich ihre Aufmerksamkeit auf die mögliche Beziehung. Das neue Ereignis erhält sofort eine persönliche Bedeutung.
  • „Wie viele Klaviere kann ein Mann haben?“ Wieder spricht Alexandra, diesmal über den ungewöhnlichen Besitz des Fremden. Die Frage verbindet Skepsis mit Belustigung und Neugier. Materielle Fülle wird zum Zeichen einer Person, die sich noch nicht beurteilen lässt. Gerade das Ungeklärte vergrößert ihre Wirkung.
  • „Die Dinge treten in Dreiergruppen auf.“ Dieser Erzählsatz folgt Alexandras Betrachtung der Unterschiede zwischen den Frauen. Die Dreizahl erscheint als Form, die ihre Verbindung beinahe selbstverständlich macht. Das gibt der Gruppe eine anschauliche Ordnung, ohne die Unterschiede ihrer Temperamente tatsächlich aufzuheben oder ihre Gemeinsamkeit moralisch abzusichern.
  • „Nicht mehr, nicht weniger.“ Die Formel gehört zur genauen Zeitangabe in Alexandras Rezept. Für einen Moment fallen Küchenregel und magische Präzision zusammen. Die Hexen von Eastwick gewinnen ihren Witz aus solchen Übergängen: Das Wunderbare beginnt dort, wo alltägliche Handgriffe ungewöhnlich verbindlich werden.
  • „Materie am falschen Ort.“ Der Erzähler erinnert an die mütterliche Definition von Schmutz, während Alexandras ehemaliger Mann als Rest erscheint. Eine häusliche Ordnungsformel erhält plötzlich eine brutale Bedeutung. Die komische Verwandlung zeigt, wie vollständig eine Beziehung entwertet werden kann, wenn jemand nur noch als störendes Material wahrgenommen wird.

🌐 Englischer Originalauszug beim Verlag

Schreibstil mit sinnlicher Fülle und einem problematischen Blick

Der Schreibstil verbindet genaue Beobachtung mit einer Bildsprache, die ständig über den beschriebenen Gegenstand hinausgreift. Stimmen erhalten körperliche Eigenschaften, Pflanzen scheinen menschliche Wünsche auszudrücken, und häusliche Gegenstände tragen Erinnerungen an Beziehungen. Die Hexen von Eastwick besitzen dadurch eine dichte sinnliche Oberfläche. Man sieht und hört eine Welt, in der kaum etwas neutral bleibt.

Die Beschreibung vollzieht bereits die Verzauberung. Das Übernatürliche beginnt nicht erst, wenn eine Figur ausdrücklich Magie ausübt. Vergleiche und Verwandlungsbilder lassen die Grenzen zwischen Körper, Landschaft und Gegenstand durchlässig werden. Diese sprachliche Bewegung erklärt, weshalb die Verbindung von phantastischem Geschehen und Kleinstadtalltag so überzeugend wirken kann. Beide gehören derselben Wahrnehmungswelt an.

Gleichzeitig arbeitet die Erzählung mit wechselnder Distanz. Sie nähert sich Alexandras Empfindungen an, kann sich jedoch im nächsten Moment ironisch über sie erheben. Die Hexen von Eastwick laden zum Mitvollzug von Lust, Unsicherheit und Erwartung ein, ohne den Leserinnen und Lesern einen dauerhaft vertraulichen Zugang zu garantieren. Manchmal entsteht daraus produktive Reibung, manchmal ein herablassender Eindruck.

Besonders die Verbindung von Weiblichkeit und Natur verdient Aufmerksamkeit. Ein starkes Bild ist noch keine gerechte Beschreibung. Die üppigen Metaphern können eine Figur lebendig machen und sie zugleich auf Körperlichkeit festlegen. Wer die sprachliche Schönheit würdigt, muss diesen möglichen Preis mitlesen. Die Spannung verschwindet nicht dadurch, dass der Text ironisch verfährt.

Auch das Erzähltempo setzt andere Prioritäten als eine straffe Hexengeschichte. Beschreibungen und soziale Beobachtungen erhalten Raum, während die Handlung zeitweise zurücktritt. Das kann den Genuss der Sprache steigern und die Erwartung an unmittelbare dramatische Entwicklung enttäuschen. Die Stärke des Romans liegt gerade in dieser ausgearbeiteten Wahrnehmung, doch sie entlastet ihn nicht von Fragen nach der Eigenständigkeit seiner Figuren und dem Gewicht ihrer Entscheidungen.

Entstehungszeit, Übersetzung und spätere Rückkehr – Die Hexen von Eastwick

  • Erstveröffentlichung 1984: Die Hexen von Eastwick erschienen unter dem Originaltitel The Witches of Eastwick. Die damalige Kirkus-Rezension ordnet das Buch bereits als Verbindung von schwarzer Komödie und übernatürlicher Gesellschaftsdarstellung ein. Damit gehört die Spannung zwischen Unterhaltungsreiz und moralischer Irritation schon zu seiner frühen Rezeption, nicht erst zu einer heutigen Neubewertung.
  • Eine frühere erzählte Zeit: Der Roman spielt gegen Ende der Vietnamära und damit vor seiner Veröffentlichung. Diese Distanz ist für die Darstellung veränderter Geschlechterrollen wesentlich. Die Frauen handeln in einer Welt, deren Erwartungen sich verschieben, während alte gesellschaftliche Urteile und häusliche Gewohnheiten weiterhin ihre Wirkung entfalten.
  • Ein erfundener Schauplatz: Eastwick liegt im Roman in Rhode Island. Es ist ein literarischer Ort, dessen Straßen, Häuser und gesellschaftliche Verbindungen eigens für die Erzählung zusammenwirken. Die regionale Genauigkeit erlaubt deshalb nicht, sämtliche Bewohner oder Ereignisse als verschlüsselte Abbilder einer bestimmten realen Kleinstadt zu behandeln. Genauigkeit des Milieus und dokumentarische Identität sind verschiedene Dinge.
  • Drei Namen für die Übersetzung: Rowohlt nennt Maria Carlsson, Uwe Friesel und Monica Michieli als Übersetzer der deutschen Ausgabe. Der bestätigte deutsche Titel lautet Die Hexen von Eastwick. Die hier erläuterten kurzen Originalstellen sind eigene Übertragungen und werden keiner dieser veröffentlichten Übersetzungsfassungen zugeschrieben.
  • Rückkehr nach Jahrzehnten: 2008 erschien die Fortsetzung The Widows of Eastwick, auf Deutsch Die Witwen von Eastwick. Sie führt die drei Frauen in einer späteren Lebensphase wieder zusammen. Dadurch erhält ihre frühere Geschichte eine nachträgliche Perspektive auf Alter und Erinnerung; der erste Roman bleibt dennoch ein eigenständiges Werk mit seinem eigenen problematischen Schluss.

🌐 Rowohlt: deutsche Ausgabe · 🌐 Verlagsangaben zur Fortsetzung

Welche Freiheit Die Hexen von Eastwick übriglassen

Der Roman gewinnt seine bleibende Spannung daraus, dass sich keine Seite vollständig entlasten lässt. Die gesellschaftlichen Erwartungen an die Frauen sind beschränkend. Ihre Reaktion darauf besitzt Witz, Kraft und eine nachvollziehbare Lust an anderen Möglichkeiten. Doch Die Hexen von Eastwick zeigen auch, wie diese Möglichkeiten in Konkurrenz und Gewalt umschlagen. Emanzipation erscheint als schwierige Aufgabe, nicht als Eigenschaft, die eine mächtige Figur automatisch besitzt.

Der Gewinn an Macht braucht ein Gegenüber. Ohne die Anerkennung fremder Wünsche wird er zur erweiterten Verfügung über andere Menschen. Gerade Jennys Schicksal verhindert deshalb ein unbeschwertes Schlussurteil. Die Gruppe hat ihre Grenzen nicht einfach überwunden. Sie hat eigene Grenzen errichtet, innerhalb derer die Freiheit einer anderen Frau keinen Schutz findet.

Zum Weiterlesen bietet sich 👉 Freiheit von Jonathan Franzen an. Auch dort tragen Menschen ein verheißungsvolles Wort in ihre Beziehungen und entdecken, dass selbstgewählte Möglichkeiten Verantwortung nicht beseitigen. Der Unterschied liegt in der Darstellung: Hier werden Ansprüche und Kränkungen durch buchstäbliche Magie verschärft, dort durch die sozialen und persönlichen Folgen gewöhnlicher Entscheidungen.

Die Hexen von Eastwick lohnen sich für Leserinnen und Leser, die sprachlich üppige Gesellschaftsromane mögen und widersprüchliche Figuren aushalten. Wer eine eindeutige feministische Ermächtigungsgeschichte oder eine zügige phantastische Handlung erwartet, dürfte häufiger Widerstand empfinden. Diese Irritation ist teils eine produktive Wirkung des Romans, teils Anlass, seinen Blick auf Frauen kritisch zu prüfen.

Sein überzeugendster Ertrag liegt in der Verbindung beider Erfahrungen. Die Sprache lässt eine ganze Umgebung von Begehren durchdringen; die Handlung zeigt, dass Begehren kein verlässlicher moralischer Maßstab ist. Was als Befreiung beginnt, muss sich daran bewähren, ob auch andere frei bleiben dürfen. Gerade diese Prüfung macht die Hexen literarisch interessant und erklärt, weshalb ihre gefährliche Freiheit eine kritische Lektüre verlangt.

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